Virtuelle Kipferln
Momentan beschäftige ich mich in der Hauptsache damit, mir den Spaß am Haptischen abzugewöhnen. Mein materieller Besitzstand ist ganz und gar ins Virtuelle umgesiedelt. Die dekorative 27-bändige Ausgabe des Literaturlexikons von Kindler etwa wurde bereits früher einmal gegen eine CD-ROM ausgetauscht. Aber auch diese CD war ja noch haptisch erlebbar, man nahm sie aus der Schutzhülle, legte sie das Laufwerk und erfreute sich am sanften Surren, das erklang, sobald der Laser die blanke Scheibe traf. Schöne halb-alte Zeiten! Heute liegen sämtliche Daten des Lexikons in einer virtuellen CD-Datei auf der Festplatte. Möchte man nun etwa nach Kafka und seinen Winkeladvokaten schauen, muss man diese CD-Datei erst einmal „mounten“, also auf den Gipfel der Wahrnehmung heben, nachdem sie für längere Zeit mit ihren virtuellen CD-Brüdern im Tal der Festplatte überwinterte. Jede nicht „gemountete“ CD ist also ein Versprechen, mit dem Benutzer (früher: Leser) gemeinsam einen wie auch immer gearteten Gipfel zu besteigen (etwa der Gipfel der Erkenntnis, einfach nur ein Kipferl oder gar „Das ist ja der Gipfel!“). Waren zwar auch in der richtig alten Welt die Bücher im Regal nur Hinweise auf das, was man noch alles lesen (oder gar tun) könnte, so waren sie dennoch stets präsent im Raum der Wirklichkeit. Jeder Titel war gut auf dem Buchrücken zu lesen, jedes Buch hatte also ein deutliches und eindeutiges „Label“. Heute muss man ins Tal und manchmal gar ins Bergwerk der Ordnerstruktur der eigenen Festplatte hinabsteigen, um diese Label als kryptischen Dateinamen zu suchen. Nichts springt einem mehr ins Gesicht, nichts buhlt mehr um Aufmerksamkeit. Dem Stöbern in der eigenen Bibliothek ist das Information Retrieval auf der Festplatte gewichen.
Auf besagte Weise verschwanden also die Gesamtwerke von Goethe, Schiller, Kant und Freunden in den Tiefen der virtuellen Platten. Dasselbe geschah mit dem Rest der Bibliothek. Selbstredend fiel allen alten Schallplatten und Musik-CDs das nämliche Schicksal anheim. Die paar Monate des Archivierens mussten man einfach investieren, der Vorteil eines leeren Raum ist ja in Manntage gar nicht aufzuwiegen. Aber eigentlich empfinde ich das alles ja als Zumutung! Dennoch, da tief in mir natürlich auch ein Minimalistenherz schlägt, habe ich mich eben zu schweren Abschieden durchgerungen. Nun ist es aber geschafft: Alles in meiner Wohnung ist auf irgendeine Art glatt, weiß und leer. Alle Medien sind entweder auf einer meiner Festplatten oder haben sich temporär auf einem meiner Mobilgeräte niedergelassen. Letzteres aber nur solange, bis die neue Ausgabe der virtuellen Zeitschrift den Vorgänger vom Gerät fegt.
Alles ist hier nun frei von Buchrücken, frei von Labels und Beschreibungen. Auf den Bewohner dieses Hauses ist eigentlich kein Rückschluss mehr möglich. Fast so wie in der freien Natur, dort steht ja auch nicht „Baum“ auf dem Baum! Daheim und in der Natur ist nun alles perfekt harmonisch, nichts lenkt mehr vom Wesentlichen ab (Mehr zum Wesentlichen im nächsten Artikel).
Neulich das erste Mal am Rhein gewesen, man erzählt sich ja soviel von dieser Dame namens Loreley. Ich biege also in meinem label-freien Auto um die Biegung des Rheins und schon eröffnet sich der Blick auf den berühmten Felsen dieser eben genannten Dame. Der Fels ist nicht zu verfehlen, er hat nämlich ein Label nahe seines Gipfels: LORELEY. Das erinnerte mich wieder daran, dass man jetzt in der Bierblume bei Heinz auch Aperol Spritz bekam.
Falschverbinder
Seit von radikalen Facebook-Bekämpfern die Post-Freundschafts-Ära ausgerufen wurde, bekam ich so gut wie überhaupt keine elektronische Post mehr. Wenn dann doch einmal, dann ging nur noch Spam ein. Und auch dieser war nicht mehr so wie in den guten alten Zeiten der Penisverlängerungsangebote:
Guten Tag
Unsere Gesellschaft die GrandMasterGroup-Firma mit der reichen Geschichte und der guten Reputation offnet den Satz der Mitarbeiter .
Wenn Sie der verantwortliche anstandige Mensch der den minimalen Forderungen entspricht: die Volljahrigkeit, das grundlegende Wissen des PC, die Verantwortung. Dieser jene Vorschla fur Sie!
Warum brauchen wir Sie? Als internationales Gesellschaf bieten wir unseren Besteller effizienteste Dienstleistungen, inkl. Banktransfer mit minimalen Servicegebuhren an. Die minimalen Gebuhren treten bei der Uberweisung zwischen zwei Konten bei derselben Bank auf. Um minimale Transfergebuhren fur unsere Besteller zu sichern, haben wir Kontos in jeder Bank von Europa, Asien und Amerika zu offnen, was unmoglich und unausgiebig fur uns ist.
Wir haben die Beschluss getroffen, die regionalen Verkaufsmanager weltweit anzuwerben, um die Bankkonten in der ganzen Welt zu haben. Sie erhalten Uberweisungen von unseren Besteller, die Sie auf unsere ortlichen Bankkonten weiter transferieren. Nach dem Annahmehaben Sie zu uberzeugen, dass Geldtransfer das Zielkonto erreicht hat. Dieser Job ist fur Mutter, Studenten, Arbeitslosen, Freiberufler und fur jeden Menschen, der uber etwa 3 Stunden pro Tag verfugt. Verpassen Sie Ihre Zeit nicht. Nutzen Sie sofort Ihre Chance ! Sie haben nichts zu verlieren!
Wenn Sie der gegebene Vorschlag bitte interessiert hat verbinden Sie sich mit uns nach e-meil: job@grandmastergroupmail.com . In den Brief erzahlen Sie ein wenig von sich, bezeichnen Sie Ihre die Kontaktinformationen. Wir werden uns mit Ihnen verbinden!
Für wie dumm hielten die mich? Weder war ich anständig, noch verfügte ich über die minimalen Anforderungen. Von den drei Stunden pro Tag mal ganz zu schweigen. Allerdings, verpassen Sie Ihre Zeit nicht!, dieser emotionale Aufruf verpasste dann doch auch bei mir seine Wirkung nicht. Nur um ganz sicher zu gehen, leitete ich die E-Mail an alle meine Feinde auf fressebuch.com weiter. Bei denen wurden Syntax und Semantik ja eh mit der Buchstabensuppe ausgeschüttet. Unmoglich und unausgiebig!
Fremdgeschrieben
Besser hätten wir es hier auch nicht machen können, also lassen wir es gleich ganz sein. Verwiesen sei lediglich auf eine alte Kollegin: Frau Burmester wurde mit Ihrem offenen Brief an Doktor außer Dienst von und zu Guttenberg zum Fremdtrinker der Herzen erhoben! Herzlichen Glückwunsch zur gesunden Hybris!
No Presso
„Nur die Ruhe bringt´s!“ Diese alte aber doch stets aktuelle Weisheit meines Vaters war das Einzige, was ich auf den überschäumenden Wortschwall von Saeco erwidern konnte. Zugegeben, nicht meine stärkste Replik in diesem Jahr, aber immerhin brachte sie mir ein paar Sekunden morgendlicher Ruhe von den verbalen Ergüssen meines depressiven Ein-Viertel-Espresso-Halbautomatens . Saeco dampfte währenddessen weiter aus seiner leicht verschmutzen Aufschäumdüse vor sich hin. Sein Dampf benetzte bereits die untere Seite des Küchenhängeschranks, dessen Anrichte er schon seit Jahr und Tag sein Zuhause nannte. Dass es aber immer noch in im brodelte, dass er noch längst nicht mit unserer Diskussion abgeschlossen hatte, dies erkannte ich aus den gurgelnden, glucksenden und blubbernden Geräuschen, welche aus den Eingeweiden seines etwas verkalkten Boilers kamen. Und schon legte er auch wieder los:
- Nehmen wir also nur mal für eine Sekunde lange an, ich glaubte Dir. Mal für eine Sekunde. Stellen wir uns also vor, du würdest als einer der wenigen NICHT auf diese plumpe Werbung dieser Schweizer hereinfallen und dir also NICHT eine dieser ach so sexy aussehenden, so superpotenten und vollautomatischen Kapselmaschinen anschaffen, würdest du dann aber auch über die nächsten Jahre die Diskussionen mit Deiner Frau durchstehen, die mich – und ich zitiere hier wörtlich –, bereits mehrfach als vierschrötige, klotzig und klobige Ungestalt bezeichnet hat, welche wie aus der Zeit gefallen wirke? Na, glaubst Du, das stehst du auf Dauer durch, oder werde ich nicht doch dann gegen eine dieser Kapselmaschinen ausgetauscht und verschrottet, ich, der dir über Jahre mehrmals täglich deinen caffé macciato gezaubert hat?
Immer wieder faszinierte mich seine perfekte Intonation italienischer Kaffeespezialitäten. Gut, er war ja auch vom Fach. Stets brachte er mich damit aber wieder in Gedanken zurück nach Bella Italia: Mein Saeco war und blieb dieses Gefühl von Unbeschwertheit einer morgendlichen Agip Tankstelle an der Brennerautobahn mit einem dampfenden Espresso in der Hand.
- Schläfst du wieder, oder was?
Allerdings war Saeco im Laufe der Zeit doch ein klein wenig hektischer und fordernder geworden als eine Agip Tankstelle in der Morgensonne. Dies lag wahrscheinlich daran, dass er bereits seit zwei Jahrzehnten ein deutsches Herrchen hat. Eventuell hätte ich ihm in seinen jungen Jahren etwas mehr von der Weisheit meines Vaters vermitteln sollen. Gut, dafür war es jetzt wohl zu spät.
- Nein, nein, ich bin völlig bei Dir. Mir ist nur wieder gerade aufgefallen, dass du immer noch nicht den Namen dieser Kapselmaschinenhersteller aussprechen möchtest. Das erinnert mich halt nur ein wenig an die Zeit, als Porsche zu uns kam, und du ihn mindestens ein halbes Jahr lang komplett ignoriert hast. Und nur weil …
- Wer sich als Wasserkocher wie ein Sportwagen nennt, der muss doch auch hochgradig gestört sein! Bildet sich ja soviel ein, der feine Herr, nur weil er aus einem ach so tollen Designstall kommt, der Schnösel …
- Kann es nicht sein, dass du einfach sauer warst, weil nun nicht mehr alles kochende Wasser mühsam über deine Heißwasserdüse kommen musste, so wie während unserer gemeinsamen Studententage, sondern es nun einen Profi gab, der diese Funktion übernahm?
Saeco gurgelte und blubberte weiter vor sich hin, schwieg aber ansonsten. Offenbar haben wir Amateure alle Probleme, wenn wir durch Profis ersetzt werden. Oder umgekehrt. Ich sollte Saeco in das nächste Zielfindungsgespräch mit wahlweise meinem Chef oder meiner Therapeutin nehmen. Momentan genoss ich aber einfach nur die Ruhe an diesem Sonntagmorgen, untermalt von einem meditativen Blubbern und Glucksen.
Der Tag des Zorns
Mist, eben einmal wieder den Tag des Zorns verpasst! Nein, damit ist nicht die Zeit gemeint, in denen die Mario Brothers des Atomzeitalters das Leck im AKW Fukushima zu stopfen versuchten. Ebenso wenig der Tag, als im Kelsterbacher Kebab-Haus die rote Soße zur Neige ging.
Nein, verpasst habe ich lediglich die Eröffnung des Media Markts in Kleinsommerhausen. Und damit den Aufruhr, als Mutti sich mit den Nachbarn um Schnäppchen balgte, als wäre die Zivilgesellschaft ein Konzept, das erst noch erfunden werden sollte. iPads wurden dicht am Körper getragen und mit dem Leben verteidigt. Keine Mehrwertssteuer! Vati bekam von Fred eine Parabolantenne ins linke Auge gerammt, womit sich Fred eine strategisch ausgezeichnete Position sicherte zum Endkampf um die letzten Blu-ray Angebote. Hans war schon lange Matsch, hatte er doch Chuzpe im Übermaß bewiesen, als er sein frisch erkämpftes iphone 4 (das letzte im Stapel!) triumphierend der wütenden Menge der Schnäppchen-Versager entgegen gehalten hatte. Er war doch blöd!
Bilanz des Tages: zehn halbtote und zweihundert leichtverletzte Schnäppchenjäger in Kleinsommerhausen. Wenn der Aufruhr kommt, und die Erde bebt, und sich aus der Nacht ein neuer Media Markt erhebt. Wenn der Aufruhr kommt … Vergessen wir London und Post-Punk von Abwärts, wenn es um Schnäppchen geht, wird der Mensch zum Tier, auch in Kleinsommerhausen. Consumo, ergo bumm – wie der Sponti schon immer wusste!
Das Schuhanprobesyndrom
Dass nun auch der Kulturbetrieb endlich einmal ein Männerkrankheitsbild als Sujet entdeckt hat, bringt wenigstens in Ansätzen ein Gefühl, welches mit Genugtuung beschrieben werden könnte. So wird etwa momentan am Theater Kiel im Stück Schwitzende Männer im Schuhgeschäft ein Phänomen aufgegriffen, welches in der medizinischen Fachwelt auch als Schuhanprobesyndrom bekannt ist. Zu 95 % sind davon Männer betroffen. Das Syndrom tritt stets auf, wenn ein Mann im Schlepptau einer Frau mal eben schnell ein Schuhgeschäft betreten muss, weil es dort wohl laut Anneliese gerade unglaublich gute Angebote gebe. Was daraufhin passiert ist in etwa immer dasselbe: Der Blutzuckerspiegel des Mannes fällt innerhalb der ersten 30 Sekunden nach Betreten des Geschäftes ins Bodenlose, er wird von zunehmend stärker werdenden Gähn-Attacken gepeinigt und rettet sich zumeist auf eine der in jedem besseren Schuhgeschäft bereitstehenden Notfallpritschen (in Billig-Schuhläden sackt er einfach mit einem kurzen Seufzer zu Boden).
Von Frauen wird dieses Verhalten oftmals in seiner Gänze fehl interpretiert oder gar als mutwillige Sabotage des gemütlichen Einkaufsbummels missverstanden. Die moderne Paarforschung hat hingegen schon längst eine psychosomatische Erklärung dieses Phänomens parat: Können Singles über ihre eigenen Energiereserven relativ frei verfügen, so besitzt jedes Paar nach einer gewissen Zeit einen gemeinsamen Pool von Energie, in welchen die Einzelenergien der Partner komplett aufgehen. Beim Betreten eines Schuhgeschäftes gerät die Frau dann in einen völlig ekstatischen Zustand und muss daher den gemeinsamen Energiepool massiv anzapfen, um nicht aufgrund der zahlreichen Schnäppchen zu hyperventilieren. Im Gegenzug erlebt der Mann zur gleichen Zeit eine energetische Ebbe, gegen die sich die Müdigkeit nach dem Sexualakt als extrem euphorisches Gefühl beschreiben ließe.
Das Phänomen dieser einseitigen Nutzung des gemeinsamen Energiepools sollte sich eigentlich auch in umgekehrter Konstellation beobachten lassen, etwa wenn Mann und Frau gemeinsam Elektronikmärkte, Second-Hand-Plattenläden oder gar Fußballspiele besuchen. Leider gibt es hierzu jedoch kaum verlässliche empirische Daten.
Quizzinger
Kennen Sie Quizzes? Nicht? Gut, fangen wir einmal wieder bei null an. Quizzes ist ein Wort im Plural, und Quizzes sind modern. Ein Quiz, viele Quiz, so will es eigentlich der Duden. Wollen Sie aber Meinungen oder gar das Wissen junger Menschen sammeln und analysieren, sind Sie also an Fragen wie „Sex und Drugs und Rock’n’Roll – wie viel Rock fließt durch Deine Adern?“ oder ähnlich Interessantem interessiert, dann fangen Sie die Teenies mit Quizzes im Internet.
Auch der Fremdtrinker ist an Weltsicht, Wissensschatz und Kennerschaft seiner jungen und treuen Leserschaft interessiert. Daher also das erste Quiz auf diesen heiligen Seiten:
- Wie viel Lumen pro Watt braucht das Licht am Ende des Tunnels?
- Wie viele Konnotationen hat der Name des Fußballvereins Wehen Wiesbaden?
- Was ist die ideale Erweiterung des Satzfragmentes Es ist egal, aber …?
- Deutsche Muttermilchforschung – gibt es da wirklich etwas von Ratiopharm?
- Und warum was?
Sämtliche Antworten bitte per elektronischer Post an coudntcareless@myhole.deep.
Des Prinzens neue Geräusche
Neulich wurde es einmal wieder Frühling im Krieg. Dennoch fragte sich Karl-Hugo, unser bekannter, stets schlecht gelaunter Wohnkloner und Misanthrop, wie viele Schlachten des Lebens man wohl noch verlieren könne, bevor der Krieg endgültig vorbei war. Er, dieser leicht dickliche, übersensible und etwas weinerliche Möchtegernlebemann war in den Gefechten des Alltages stets mit scheinbar überlegenen Gegnern konfrontiert: Menschen, denen Gefühle wie Zurückhaltung und Bescheidenheit, eben eine gewisse Dezenz, völlig fremd waren. Nirgendwo wurde dies deutlicher als auf öffentlichen Bürotoiletten. Während es für Karl-Hugo nahezu unmöglich war, seine großen Geschäfte in einer dieser Toilettenkabinen zu verrichten, hatten die Alpha-Männchen, die er seine Kollegen nannte, damit offenbar keine Probleme. Aufgereiht wie Legehennen saß und schoss die Batterie der Klokabinen aus vollen Rohren, mit Kawumms und Pulverdampf. Unser Held musste stets unverrichteter Dinge von dannen ziehen und konnte – voll von Emotionen und Ballaststoffen – sich erst spät abends auf dem heimatlichen Wohnklo entleeren. Er wusste, so konnte es nicht weitergehen. Es ging hier nicht nur ums Koten, sondern um seine allgemeine Einstellung zum Leben. Wieso nahmen sich andere ohne Bedenken Rechte und Freiheiten, während er hartleibig und mit Bauchschmerzen durch seinen Alltag schlich?
Karl-Hugos Psychologin gab ihm, wie schon so oft zuvor, die entscheidende Analyse seines Verhaltens samt konkreter Handlungsanweisung: Das könnte eine Rhypophobie im Anfangsstadium sein gepaart mit den uns ja schon so bekannten Minderwertigkeitskomplexen. Ich empfehle Ihnen dringend die Anschaffung einer sogenannten Geräuschfee. Das ist ein kleines Gerät, welches angenehme Naturgeräusche, wie etwa den Klang eines Wasserfalls oder Wellengang, produziert, und somit sowohl Ihre eigenen Toilettengeräusche als auch die der Kollegen filtert.
Karl-Hugo war begeistert. Das neuste Modell der Geräuschfee wurde angeschafft. Auf Anraten seines Freundes Franz modifizierte er allerdings die Auswahl an Geräuschen. Franz meinte nämlich, er müsse endlich offensiver dem Leben gegenüber sein. Dies sollte nun mithilfe der Fee auf dem Büroklo beginnen. Viel zulange schon hatte er Mäuschen gespielt, nun wollte er allen den Tiger zeigen.
Montag, zwei Uhr nachmittags. Alle Kabinen bis auf eine waren voll besetzt. Die Kollegen schieden wohl gerade das heutige Kantinenessen aus, Schweinswürste mit Sauerkraut. Eine Atmosphäre wie im dritten Kreis der Hölle. Karl-Hugo betrat selbstbewusst seine Kabine und brachte sich auf seinem Thron in Position. Die Fee hing er mit der zugehörigen Schlaufe an die Türklinke. Dann wählte er das Programm Geräuschfee Ludwig Van 2.1. Es brauste ein Ruf wie Donnerhall durch die heiligen Hallen der Legebatterien:
Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium!
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, Dein Heiligtum.
Freude sprudelt in Pokalen;
in der Traube goldnem Blut
trinken Sanftmut Kannibalen,
die Verzweiflung Heldenmut.
Brüder, fliegt von euren Sitzen,
wenn der volle Römer kreist;
lasst den Schaum zum Himmel spritzen:
dieses Glas dem guten Geist!
Es ging voran. Karl-Hugo gab den Ton an. Endlich wieder richtig scheißen können.
Befindlichkeitsbäuerchen
„Natürlich ist das psychosomatisch. Willst Du das Gutachten vom Arzt sehen, oder was? Da steht ganz klar drin: Patient eruktiert hochfrequent aufgrund psychischer Überlastung bei der Aufnahme rechten Gedankenguts. Ich kann da nichts dafür, das ist die Gesellschaft, die muss sich ändern, dann muss ich auch nicht mehr bölken. “
Franz war außer sich, das machte schon die leicht übertriebene Lautstärke seiner letzten Äußerung klar. Die Leute an den Nebentischen schauten auch schon etwas verstohlen herüber. Egal, dachte ich mir, wer seine Abende in einem Lokal wie der Bierblume zum freien Willen verbrachte, der durfte doch eigentlich überhaupt keine Ansprüche an irgendetwas mehr haben, oder? Wie auch immer, Franz war offenbar doch etwas verärgert mit mir. Wie konnte ich es nur wagen, seinen Zustand nicht als eine wirklich ernst zu nehmende Krankheit anzuerkennen. Bölken, dachte ich mir dann, mein Gott, Franz ist wirklich ein Nordlicht, den Ausdruck hatte ich ja noch nie gehört. Klingt irgendwie nach einem Bauernhof in der Lüneburger Heide. Doch dann riss mich mein guter Freund mit einem lauten Heil! aus meinen Gedanken, welches von einem leiseren, gezischten, etwas kleinlaut klingenden Sieg gefolgt wurde.
„Alles okay“, fragte ich?
„Nein, nichts ist okay. Gar nichts. Kannst du dir eigentlich vorstellen, wie peinlich das in der Öffentlichkeit ist, wenn du permanent diese Nazi-Slogans rülpsen musst?“ Und nein, um deine Frage gleich vorweg zunehmen, mit dem Tourette-Syndrom hat das auch nichts zu tun. Bei mir ist ja ganz klar festgestellt worden, was diese körperlichen Reaktionen auslöst: schwarz-braunes Gedankengut, je brauner, desto schlimmer. Mein Arzt nennt das Ganze den NS-Rülpser“.
„Na gut, dann halte dich doch einfach nur von diesen Dingen fern, so von der CSU und so. Problem erkannt, Problem gebannt. Und weg ist der Adlerhorst, ich mein …“. Weiter kam ich jedoch nicht, denn CSU und Adlerhorst in einem Satz, das war zu viel für Franz. Ein phänomenaler NS-Rülps-Anfall brach sich Bahn.
„Heil, zisch zisch … Sieg … HEIL, zisch zisch … Sieg! GAUWEILER! HEIL!“
Ich versuchte so unbeteiligt und so tolerant zu schauen, wie nur eben möglich. Dennoch verstand ich langsam, dass Franzens Freunde in letzter Zeit immer öfter vorgaben, angeblich beruflich so eingespannt und damit knapp an freier Zeit zu sein, wann immer Franz sie auf ein Bierchen in seiner Eckkneipe treffen wollte. Nichts jedoch übertraf die Art und Weise, wie sich seine Freundin Astrid vor etwa einem Monat von ihm getrennt hatte. Gut, da lag wohl vorher schon einiges im Argen. Aber dass sie den armen Franz in seinem eigenen Schlafzimmer einsperrte, bevor sie den Rest der gemeinsamen Wohnung ausräumte, das war schon ziemlich gemein. Richtig fies wurde es aber, als sie, bevor sie ging, noch im Wohnzimmer die Stereoanlage auf volle Lautstärke stellte. Im CD-Spieler befand sich das Audio-Book von Deutschland schafft sich ab. Im Bericht des Notarztes, den besorgte Hausbewohner gerufen hatten, wurde von einem völlig erschöpften, schwach und leise vor sich hin rülpsenden Mittdreißiger berichtet, der kaum mehr ansprechbar war. In seinen Händen hielt er völlig verkrampft das Buch Das Herz schlägt links von Oscar Lafontaine. Instinktiv hatte Franz zum einzig passenden Gegengift gegriffen. Nur der Oscar konnte es noch richten. Wie viele versteckt und offen lebende NS-Rülps-Geschädigte es wohl in unserer Gesellschaft gibt? Hat man damals Eva Herman vielleicht sogar Unrecht getan, war auch sie ein Opfer?
Offenbar kann Franz nun auch schon Gedanken lesen, der nächste Anfall kam sofort:
„Heil, zisch zisch … Mutterkreuz … HEIL, zisch … Sieg! DEUTSCHE MUTTER!“
Der lange Stil der fremden Federn
Der Mensch giert nach Anerkennung, jeder Mensch. Er trainiert Geist und Körper, möchte stets etwas größer, witziger, souveräner, stärker oder klüger erscheinen, als er in Wirklichkeit ist. Der ehemalige Dr. jur. Karl-Theodor zu Guttenberg gab das jüngste traurige Beispiel, wohin dieser falsche Ehrgeiz führen kann, nämlich unverzüglich ins Plagiat. Alles wird heute kopiert, mal wörtlich, mal sinngemäß. Immer seltener werden hierbei die geistigen Urheber genannt, immer öfters schmück der Mensch sich mit den geistigen Ergüssen anderer. Dies endet bei kompletten Doktorarbeiten, die lediglich aus Fragmenten fremder Texte bestehen, quasi in der Champions League der Plagiate. Aber auch in den Kreisligen der Internet-Publikationen ist Vergleichbares zu beobachten, hier nur ein Beispiel von vielen:
Ein gewisser Wolfgang Spinnler hat im deutschen Online-Shop von Amazon an die 80 CD-Rezensionen verfasst, die meisten davon über Meisterwerke des Pops der 80’er Jahre. Hier ein Auszug aus seiner Besprechung der Platte Rum, Sodomy And The Lash der Gruppe The Pogues:
Auch ausgebombte Punks sind irgendwann auf der Suche nach bleibenden Werten. [...] Mit Sänger Shane MacGowan der kaum noch Zähne hatte produzierten die POGUES unter der Regie von Elvis Costello einem der besten Songwriter Brita[n]niens eine Scheibe die schepperte wie die Sammelbüchse am Totensonntag. Bei den sentimentalen Songs der Pogues hatten sich schon die Großväter der Bandmitglieder in den Armen gelegen. Und warum sollten es ihre Enkel anders machen?
Schön schnoddrig und gemäß den Stilvorgaben der frühen Pop-Literatur geschrieben, nicht wahr? Leider ist diese Rezension jedoch in Auszügen wörtlich und ansonsten sinngemäß ohne Quellenangabe übernommen – vulgo geklaut – worden. Immerhin bewies der Wortdieb Geschmack, er kopierte aus der Lifestyle-Zeitschrift Tempo, genauer gesagt aus einer Ausgabe vom Dezember 1989 mit dem Titel Die besten Platten, Filme & Bücher der 80er Jahre. Dort steht zur selben Platte geschrieben:
Ausgebombte Punks auf der Suche nach bleibenden Werten. Der Sänger hatte kaum noch Zähne, und die Platte scheppert wie eine Sammelbüchse am Totensonntag. Zu den sentimentalen Melodien der Iren hatten sich schon ihre Großväter in den Armen gelegen. Warum sollten es die Enkel anders machen?
Noch ein Beispiel von weiteren 79? Herr Spinnler über eine Platte der Gruppe Soft Cell:
Lustvoll stöhnend beichtete er [Marc Almond] bei “Sex dwarf” sein Leben als Sex-Zwerg. Und “Tainted love” war als Northern-Soul-Hymne so sauber eingespielt, daß sie bis heute nach 22 Jahren genauso frisch klingt wie 1981. Und wer sich noch an die Videos der beiden erinnern kann, sofern er sie gesehen hat wird noch heute feststellen, daß diese jeden Beate-Uhse-Film zur jugendfreien Familienunterhaltung degradieren.
Im Original:
Lustvoll stöhnend beichtet Marc Almond sein Leben als Sexzwerg. Ihre Videoclips degradieren noch heute jeden Beate-Uhse-Film zur jugendfreien Familienunterhaltung.
Und so weiter, und so weiter. Man beachte: Da hat sich jemand tatsächlich die Mühe gemacht, an die 80 Plattenkritiken aus einer Zeitschrift umzuschreiben, dabei offensichtlich größten Wert darauf gelegt, niemals exakt wörtlich zu zitieren aber die ihm als „cool“ erscheinenden Phrasen auf alle Fälle zu übernehmen. Warum schreibt jemand, dem keine eigenen Worte in den Sinn kommen, so viele Texte. Kann das wirklich nur die Sucht nach Anerkennung sein, oder ist das schon krankhaft?
Übrigens: Sämtliche Bilder dieses Blogs sind geklaut.

