Hoher Streckauslaster

von fremdtrinker

Die blanke Wut und zwei präzise Hiebe mit einem Teleskopabwehrstock respektive Abdrängstock beendeten das Leben des Zugbegleiters Arnulf Wegsam. Der Angreifer, ein gewisser Helmut Hartleib, hatte den Schlagstock, der auch die „kleine Machete des Mitteleuropäers“ genannt wird, beim Internet-Händler Amazon in der Rubrik Sport und Freizeit erworben.

Was hatte Hartleib nun dazu getrieben, ihn, diesen ängstlichen und zurückhaltenden Angestellten einer mittelgroßen Erdbeerenzuchtanstalt, mitten im montäglichen Berufsverkehr den Zugbegleiter Wegsam mit einer Abwehrwaffe anzugreifen und zu erschlagen?

Schlichte Gemüter schieben die unvorstellbare Bluttat auf den ärztlich attestierten „allgemeinen Erschöpfungszustand“ von Wegsam. Andere führen die gescheiterte Ehe, die festgefahrene Karriere, den ungesunden Lebensstil sowie den plötzlichen Tod des geliebten Goldfisches Pauly als Erklärungsmuster ins Felde.

Die Schlauen freilich wissen, dass einzig und allein die Deutsche Bahn (DB) Schuld trägt. Aha, wegen der permanenten Verzögerungen im Regionalverkehr, wegen überfüllter Schienenbusse und eisiger Totalausfälle? In gewisser Weise, nur ist dies nur die halbe Wahrheit. Denn alle diese Missstände konnte Hartleib ertragen. Auch die permanenten Verspätungsdurchsagen konnte der Erdbeerzüchter noch hinnehmen. Solche, die aufgrund eingefrorener oder geschmolzener Weichen, brennender Triebwägen oder ebensolcher Triebtäter und Jehova-Treuen Attentätern sogenannte „Verzögerungen im Fahrplanablauf“ im Minutentakt für die Dauer von Stunden ankündigten. All dies brachte sein Gehirn noch nicht zur Explosion.

Dann passierte allerdings eine Veränderung bei der Deutschen Bahn. Beraten durch hausinterne DB Consultants, modifizierte die Bahn ihre Durchsagenpolitik. Aus dem bunten Sammelsurium von unterhaltsamen und spannenden Vorkommnissen, welche den Fahrgästen in den sauerstoffarmen Waggonbiotopen als Gründe für stundenlange Verspätungen präsentiert wurden, entstand durch linguistische Dauerberatung eine einzige verbale Formel, mit derer die Bahn nun im Ernstfalle der Verspätung mit ihren Endkunden kommuniziert. Im Nachhinein stellte sich aber heraus, dass den DB Consultants eine schreckliche neue Formel geglückt war: die tödliche Durchsage. Alle störenden verbalen Details, jeglicher Sinn wurde entfernt, um die Kunden nicht zu überlasten (so die offizielle Begründung!). Die Weltenformel der Bahndurchsage hieß nun: Aufgrund hoher Streckenauslastung kommt es zu Verzögerungen im Betriebsablauf. Punkt. Keine Erklärung. So knapp, so präzise, so tödlich.

Aus dem psychiatrischen Gutachten des Totschlägers Hartleib ist nun zu erkennen, dass dieser das perverse Paradox dieser Verspätungsdurchsage schlicht und einfach nicht auflösen konnte. Das Gehirn von Hartleib ist in eine rekursive Abwärtsschleife ohne Abbruchbedingung geraten. Laut Zeugen stammelte der Goldfischfreund kurz vor der tödlichen Attacke auf den Zugbegleiter permanent die Worte … euch gehören die Züge, euch gehören die Gleise … ihr Schweine … wie kann die Streckenauslastung dann immer zu hoch sein … immer immer immer … wo ist eure Planung, wo ist eure verdammte Planung.

Dann schlug Hartleib mit alttestamentarischem Hass zu, immer und immer wieder. Der Regionalverkehr hatte seinen Sinn verloren und damit auch gleich seine Unschuld. Bye, bye Brio.

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