No Presso

von fremdtrinker

„Nur die Ruhe bringt´s!“ Diese alte aber doch stets aktuelle Weisheit meines Vaters war das Einzige, was ich auf den überschäumenden Wortschwall von Saeco erwidern konnte. Zugegeben, nicht meine stärkste Replik in diesem Jahr, aber immerhin brachte sie mir ein paar Sekunden morgendlicher Ruhe von den verbalen Ergüssen meines depressiven Ein-Viertel-Espresso-Halbautomatens . Saeco dampfte währenddessen weiter aus seiner leicht verschmutzen Aufschäumdüse vor sich hin. Sein Dampf benetzte bereits die untere Seite des Küchenhängeschranks, dessen Anrichte er schon seit Jahr und Tag sein Zuhause nannte. Dass es aber immer noch in im brodelte, dass er noch längst nicht mit unserer Diskussion abgeschlossen hatte, dies erkannte ich aus den gurgelnden, glucksenden und blubbernden Geräuschen, welche aus den Eingeweiden seines etwas verkalkten Boilers kamen. Und schon legte er auch wieder los:

–      Nehmen wir also nur mal für eine Sekunde lange an, ich glaubte Dir. Mal für eine Sekunde. Stellen wir uns also vor, du würdest als einer der wenigen NICHT auf diese plumpe Werbung dieser Schweizer hereinfallen und dir also NICHT eine dieser ach so sexy aussehenden, so superpotenten und vollautomatischen Kapselmaschinen anschaffen, würdest du dann aber auch über die nächsten Jahre die Diskussionen mit Deiner Frau durchstehen, die mich – und ich zitiere hier wörtlich –, bereits mehrfach als vierschrötige, klotzig und klobige Ungestalt bezeichnet hat, welche wie aus der Zeit gefallen wirke? Na, glaubst Du, das stehst du auf Dauer durch, oder werde ich nicht doch dann gegen eine dieser Kapselmaschinen ausgetauscht und verschrottet, ich, der dir über Jahre mehrmals täglich deinen caffé macciato gezaubert hat?

Immer wieder faszinierte mich seine perfekte Intonation italienischer Kaffeespezialitäten. Gut, er war ja auch vom Fach. Stets brachte er mich damit aber wieder in Gedanken zurück nach Bella Italia: Mein Saeco war und blieb dieses Gefühl von Unbeschwertheit einer morgendlichen Agip Tankstelle an der Brennerautobahn mit einem dampfenden Espresso in der Hand.

–      Schläfst du wieder, oder was?

Allerdings war Saeco im Laufe der Zeit doch ein klein wenig hektischer und fordernder geworden als eine Agip Tankstelle in der Morgensonne. Dies lag wahrscheinlich daran, dass er bereits seit zwei Jahrzehnten ein deutsches Herrchen hat. Eventuell hätte ich ihm in seinen jungen Jahren etwas mehr von der Weisheit meines Vaters vermitteln sollen. Gut, dafür war es jetzt wohl zu spät.

–      Nein, nein, ich bin völlig bei Dir. Mir ist nur wieder gerade aufgefallen, dass du immer noch nicht den Namen dieser Kapselmaschinenhersteller aussprechen möchtest. Das erinnert mich halt nur ein wenig an die Zeit, als Porsche zu uns kam, und du ihn mindestens ein halbes Jahr lang komplett ignoriert hast. Und nur weil …

–      Wer sich als Wasserkocher wie ein Sportwagen nennt, der muss doch auch hochgradig gestört sein! Bildet sich ja soviel ein, der feine Herr, nur weil er aus einem ach so tollen Designstall kommt, der Schnösel …

–      Kann es nicht sein, dass du einfach sauer warst, weil nun nicht mehr alles kochende Wasser mühsam über deine Heißwasserdüse kommen musste, so wie während unserer gemeinsamen Studententage, sondern es nun einen Profi gab, der diese Funktion übernahm?

Saeco gurgelte und blubberte weiter vor sich hin, schwieg aber ansonsten. Offenbar haben wir Amateure alle Probleme, wenn wir durch Profis ersetzt werden. Oder umgekehrt. Ich sollte Saeco in das nächste Zielfindungsgespräch mit wahlweise meinem Chef oder meiner Therapeutin nehmen. Momentan genoss ich aber einfach nur die Ruhe an diesem Sonntagmorgen, untermalt von einem meditativen Blubbern und Glucksen.


Advertisements