Virtuelle Kipferln

von fremdtrinker

Momentan beschäftige ich mich in der Hauptsache damit, mir den Spaß am Haptischen abzugewöhnen. Mein materieller Besitzstand ist ganz und gar ins Virtuelle umgesiedelt. Die dekorative 27-bändige Ausgabe des Literaturlexikons von Kindler etwa wurde bereits früher einmal gegen eine CD-ROM ausgetauscht. Aber auch diese CD war ja noch haptisch erlebbar, man nahm sie aus der Schutzhülle, legte sie in das Laufwerk und erfreute sich am sanften Surren, das erklang, sobald der Laser die blanke Scheibe traf. Schöne halb-alte Zeiten! Heute liegen sämtliche Daten des Lexikons in einer virtuellen CD-Datei auf der Festplatte. Möchte man nun etwa nach Kafka und seinen Winkeladvokaten schauen, muss man diese CD-Datei erst einmal „mounten“, also auf den Gipfel der Wahrnehmung heben, nachdem sie für längere Zeit mit ihren virtuellen CD-Brüdern im Tal der Festplatte überwinterte. Jede nicht „gemountete“ CD ist also ein Versprechen, mit dem Benutzer (früher: Leser) gemeinsam einen wie auch immer gearteten Gipfel zu besteigen (etwa den Gipfel der Erkenntnis, einfach nur ein Kipferl oder gar „Das ist ja der Gipfel!“). Waren zwar auch in der richtig alten Welt die Bücher im Regal nur Hinweise auf das, was man noch alles lesen (oder gar tun) könnte, so waren sie dennoch stets präsent im Raum der Wirklichkeit. Jeder Titel war gut auf dem Buchrücken zu lesen, jedes Buch hatte also ein deutliches und eindeutiges „Label“. Heute muss man ins Tal und manchmal gar ins Bergwerk der Ordnerstruktur der eigenen Festplatte hinabsteigen, um diese Label als kryptischen Dateinamen zu suchen. Nichts springt einem mehr ins Gesicht, nichts buhlt mehr um Aufmerksamkeit. Dem Stöbern in der eigenen Bibliothek ist das Information Retrieval auf der Festplatte gewichen.

Auf besagte Weise verschwanden also die Gesamtwerke von Goethe, Schiller, Kant und Freunden in den Tiefen der virtuellen Platten. Dasselbe geschah mit dem Rest der Bibliothek. Selbstredend fiel allen alten Schallplatten und Musik-CDs das nämliche Schicksal anheim. Die paar Monate des Archivierens musste man einfach investieren, der Vorteil eines leeren Raum ist ja in Manntage gar nicht aufzuwiegen. Aber eigentlich empfinde ich das alles ja als Zumutung! Dennoch, da tief in mir natürlich auch ein Minimalistenherz schlägt, habe ich mich eben zu schweren Abschieden durchgerungen. Nun ist es aber geschafft: Alles in meiner Wohnung ist auf irgendeine Art glatt, weiß und leer. Alle Medien sind entweder auf einer meiner Festplatten oder haben sich temporär auf einem meiner Mobilgeräte niedergelassen. Letzteres aber nur solange, bis die neue Ausgabe der virtuellen Zeitschrift den Vorgänger vom Gerät fegt.

Alles ist hier nun frei von Buchrücken, frei von Labels und Beschreibungen. Auf den Bewohner dieses Hauses ist eigentlich kein Rückschluss mehr möglich. Fast so wie in der freien Natur, dort steht ja auch nicht „Baum“ auf dem Baum! Daheim und in der Natur ist nun alles perfekt harmonisch, nichts lenkt mehr vom Wesentlichen ab (Mehr zum Wesentlichen im nächsten Artikel).

Neulich das erste Mal am Rhein gewesen, man erzählt sich ja soviel von dieser Dame namens Loreley. Ich biege also in meinem label-freien Auto um die Biegung des Rheins und schon eröffnet sich der Blick auf den berühmten Felsen dieser eben genannten Dame. Der Fels ist nicht zu verfehlen, er hat nämlich ein Label nahe seines Gipfels: LORELEY. Das erinnerte mich wieder daran, dass man jetzt in der Bierblume bei Heinz auch Aperol Spritz bekam.

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