Mnemotechnik macciato

von fremdtrinker

„Du hast die Maus getötet.“
Der Satz von Saeco kam etwas unerwartet an diesem frühen Morgen.
„Auch dir erst einmal einen guten Morgen. Was habe ich mit der Maus getan?“, fragte ich noch etwas verschlafen.
„Sie ist tot. Du hast sie getötet. Sie liegt zwar immer noch auf deinem Schreibtisch, du benutzt sie aber nicht mehr. Was aber nicht mehr gebraucht wird, das lebt auch nicht mehr. Also hast du die Maus getötet. Punkt.“
Von dieser stringenten Beweisführung etwas geplättet, versuchte ich, das Thema zu wechseln; konnte ich mir doch gar nicht vorstellen, um diese frühe Uhrzeit mit meinem Siebträgerautomaten eine moralische Diskussion zu führen.
„Bist du denn nun endlich aufgeheizt? Zu dieser Jahreszeit brauchst du ja immer ewig. Ich sollte dich wohl auch mal wieder entkalken.“
„Warum tötest du mich nicht auch gleich, so wie du es mit der Maus getan hast?“
„Nun hör‘ aber mal auf, das wird jetzt ja direkt anstrengend mit dir. Schäume du erst mal die Milch auf. Wie kommst du denn überhaupt auf den Gedanken, ich hätte die Maus getötet? Und woher weißt du eigentlich von irgendwelchen Dingen, die am anderen Ende der Wohnung passieren.“
„DLAN“, blubberte er vor sich hin.
„Aha, daher wehte also der Wind“, sagte ich leise vor mich hin.
Mit dem guten alten WLAN konnte Saeco ja nicht viel anfangen, so modern war er nicht. Bezüglich des DLAN kam mir nun aber doch der Verdacht, dass diese moderne Netzwerktechnik über das Stromnetz wohl nicht ganz so abhörsicher zu sein schien, wie es uns die Werbung verkaufen wollte.
„Aha“, sagte ich nun hörbar. „Und auf den Trichter hat dich wohl dein neuer Kumpel, der Fernseher, gebracht, nehme ich an. Ihr seid ja inzwischen die dicksten Freunde geworden. Hast du den am Anfang nicht auch ständig angezischt, du mit deiner verkalkten Düse.“
„Wie dem auch sei, du lenkst ab. Was ist denn nun mit der Maus, die ist doch tot, oder?“ Saeco zischte nun im zweigestrichenen C.
Langsam ging mir ein Licht auf, was mein alter Freund meinte.  „Ach so, du spielst wohl darauf an, dass ich nun den Computer fast ausschließlich mit Tastenkombinationen bediene, nicht wahr?“
„Bingo“, zischte Saeco. „Und wurde die Maus nicht so unglaublich von dir geliebt, ach, wie du ihre ergonomischen Qualitäten in den Vordergrund gerückt hast, da wurde ja zeitweilig sogar deine Frau schon eifersüchtig.“
„Nun übertreibe mal nicht“, versuchte ich zu beschwichtigen. „Ich muss mich zwar vor dir nicht rechtfertigen. Da ich aber befürchte, dass ich ohne Erklärungen heute wohl überhaupt keinen Kaffee mehr bekomme …“
„Zisch“.
„Ich habe bei meinem Computer auf Tastensteuerung umgestellt, soweit wie nur eben möglich. Das ist wesentlich schneller, und man läuft auch nicht Gefahr, einen Mausarm zu bekommen. Für dich ein Beispiel: Wollte ich früher einen Paragraphen in einer Textverarbeitung löschen, dann markierte ich diesen mit der Maus und drückte dann auf die ‚Entfernen-Taste‘. Ich musste also meine Hände von der Tastatur lösen. Wollte ich danach weiterschreiben, musste ich mich erst wieder auf der Tatstatur positionieren, also vom Bildschirm weg- und auf die Tastatur hinsehen. Soweit verstanden?“
„Zischschsch“.
„Tja, und nun habe ich für das Löschen eines Absatzes, wie für fast alle anderen Dinge auch, eine leicht zu merkenden Tastenkombination. Hier etwa d a p, oder „delete a paragraph“.
„Oder ‚du alter Pe … zisch‘. Und wieviele Kombinationen musst du lernen, um schneller zu sein als mit der guten alten Maus?“
„Na ja, so zwei- bis dreihundert …“
„D a c a g t f sb! Zisch!“
„Delete a cup and go to fucking Starbucks?“
„Zisch. B i n g o.“

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