fremdtrinken

Wenn fremdschämen nicht mehr reicht …

Kategorie: Beraterbeender

Meines Rechners Unterpfand

by fremdtrinker

„Bezüglich der Sekurität Ihres neuen Rechners sind Sie bereits gut aufgestellt, oder?“, fragte mich der freundliche EDV-Fachverkäufer eines wohlbekannten Elektronikmarktes in Mombach, als er mir das Paket mit dem von mir soeben erworbenen Computer auf den Einkaufswagen wuchtete. Das interne Synonymwörterbuch in meinem Kopf, welches stets beim Hören zuvor lang nicht vernommener Wörter ansprang, lieferte für den Begriff Sekurität in Bruchteilen von Sekunden die passende Übertragung ins Alltagsdeutsche: Sicherheit. Während ich noch verwundert und auch etwas bewundernd über die Wortgewandheit des Verkäufers innehielt, lieferte mein Wörterbuch bereits ungefragt sämtliche Bedeutungsnuancen von Sicherheit  in Form einer Liste weitere Synomyme: Geborgenheit, Glaubwürdigkeit, Selbstvertrauen, Weltläufigkeit, Garantie, Obhut und so weiter, und so weiter. Aha.

„Nun ja“, begann ich, „ich werde wohl die Systempartition mit TrueCrypt verschlüsseln, wahrscheinlich mit dem AES-Twofish-Serpent-Algorithmus. Als Virenschutz dürfte ich den aufgebohrten Microsoft Securtiy Essentials nehmen, schon ärgerlich, dass man da erst in der Registry den Schlüssel SignatureUpdateInterval ändern muss, um wenigstens stündlich nach Aktualisierungen zu sehen. Wie dem auch sei, alle Daten-Backups laufen skriptgesteuert im 4-Stunden-Takt, einmal auf eine externe verschlüsselte Festplatte und dann noch auf eine Webdisk, die freilich über OpenVPN angebunden ist. Die Daten auf der Web-Platte, ungeschütz? Ach was, alles in einem versteckten TryCrypt-Container, welcher wiederum in einem Decoy steckt, nicht blöd, oder? Benutzt wird der Rechner freilich nur mit eingeschränkten Accounts, aber das sind ja die Basics, oder? Tja, das Internet, man kann ja nicht mehr ohne, aber ich werde das schon zähmen, das können Sie mir glauben: Aktueller Firefox, wenn möglich nur HTTPS-Verbindungen, klar, HTTP-Everywhere wird stets als erste Extension installiert. Flash ist ja für Kinder und Anfänger, wird freilich mit Flashblock gleich im Ansatz verhindert. JavaScript ist des Teufels, mit der Firefox-Erweiterung NoScript sind Sie aber wieder auf sicherem Gelände. Die Windows Firewall ist schon ganz okay, muss man halt auch aufbohren. Am besten mit der Windows 7 Firewall Control, am Anfang einfach alles mal blocken, nur um sicher zugehen … gut, Sie müssen freilich ungefähr fünfmal Passwörter eingeben, bevor Sie den Rechner benutzen können, aber das sollte es einem schon wert sein, oder …?“

Gegen die Leere im Blick des Fachverkäufers war jedes Vakuum ein Rummelplatz am Samstagnachmittag.

Das Synoymwörterbuch in meinem Kopf übernahm nun offensichtlich wieder die Kommunikation:

„Sie verstehen, nur mit Geschick und Geschliffenheit erreicht man eine gewisse Behütetheit, Abschirmung und Obhut – und nur Letztere ist ein Unterpfand für die Verlässlichkeit im Leben und in der EDV.“

Dies war der Moment, in dem meine ebenfalls anwesende und wie immer gegenwärtige Freundin den Verkäufer zur Seite nahm, und leise anmerkte: „Mit Sicherheit dauert es wieder zwei Wochen, bis wir mit einer gewissen Routine und Zuverlässigkeit auf so bedrohliche Internet-Seiten wie die des SPIEGELs oder meiner Bank zugreifen können.“

„Safety first!“, mahnte ich die Anwesenden im Elektromarkt, nun deutlich lauter als zuvor. Offenbar hatte das Synonymwörterbuch auf Englisch umgeschaltet und die Lautstärke in der Systemsteuerung hochgestellt. Ich sollte umbeding einmal die Zugriffsrechte sämtlicher Programme in meinem Kopf nochmals überprüfen, sicher ist sicher.

Die Dissertation mit dem Paukenschlag

by fremdtrinker

Ein Abgrund aus böser Polemik und beißendem Spott tut sich seit Tage auf vor dem einst so geliebten und erfolgreichen CSU Politiker Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg. Selbst seine Frau solle sich angeblich mit Scheidungsabsichten tragen, da das Ja-Wort Guttenbergs vor dem Traualtar angeblich bereits von anderen Bräutigamen in ähnlicher Situation auf fast dieselbe Weise vorgetragen wurde. Da war er schon wieder, der bösartige Plagiatsvorwurf.

Was diese Neider jedoch allesamt nicht erkennen können oder wollen, ist die brillante und für die damalige Zeit völlig neue wissenschaftliche Denkweise, mit welcher der heutige Verteidigungsminister seine Dissertation anging. Für Guttenberg ist und war in letzter Kosequenz das Erlangen wissenschaftlicher Erkenntnis nur in Form von virtueller Teamarbeit möglich. Dies erkannt und in radikaler Weise zu Ende gedacht sowie in die Tat umgesetzt zu haben, das ist der eigentliche akademische Quantensprung, für welchen eine summa cum laude eine mehr als verdiente Benotung sein sollte. Denn keiner hat vor Guttenberg in einem solchen Ausmaße andere Wissenschaftler so elegant, ja fast schon unbemerkt in die eigene Arbeit eingebunden. Dies geschah, und hier liegt der Hund begraben mitsamt dessen Kern, nicht etwa nur durch die althergebrachten und überkommenen Methoden des direkten und indirekten wissenschaftlichen Zitats, nein, vielmehr hat Guttenberg eine völlig neue Zitiermethode gefunden: das implizite akademische Zitat. In anderen Bereichen, wie etwa der Musik, hatten Kulturwissenschaftler zwar bereits dieses Phänomen aufgespürt und es mit dem etwas griffigeren Terminus Sample bezeichnet, für die akademische Welt aber war das Sampeln, wie das implizite Zitieren auch genannt wird, in der Zeit vor Guttenberg völlig unbekannt.

Guttenberg demonstrierte mit seiner Dissertation also zum ersten Mal, welche Kraft und Dynamik akademische Teamarbeit unter Zuhilfenahme der Sample­-Technik entfalten kann. In der Musik hatte man sich ja schon lange an den Gedanken gewöhnt, dass jede Melodie, jeder Dreiklang in beliebiger Kombination niemals den Anspruch von Originalität haben könne, da alles, was denkbar und spielbar ist, letztendlich schon einmal gedacht, komponiert und gespielt wurde. Die Musiker gehen somit mit „fremdem“ Gedankengut, welches ja nichts anderes ist als das Gedankengut eines „Weltwissens“, auf eine völlig spielerische und selbstverständliche Art und Weise um. Nichts läge ihnen ferner, als jedes Melodiechen, welches sie vielleicht schon irgendwann einmal gehört und verinnerlicht hatten und es nun für ein eigenes Stück völlig selbstverständlich verwenden wollten, nichts läge ihnen also ferner, als diese kleine unschuldige Abfolge von Tönen explizit als Zitat auszuweisen. Sie sehen diese Melodien eher als „LEGO-Bausteine“ des unendlichen Weltwissens, welche sie ohne die Spur eines schlechten Gewissens benutzen, um damit ihren ganz eigenen Anteil zur Erweiterung des globalen Fundus an Melodien zu leisten. Sie setzen Neues komplett aus Altem zusammen, dies geschieht in einer virtuellen Teamarbeit.  Das geistige Eigentum in der Musik ist längst ein globales geworden, welches in der Summer der Gehirne der Musikschaffenden zu Hause und gegen spießige Plagiatsvorwürfe völlig immun ist.

Guttenberg kann also zurecht als erster akademischer Künstler bezeichnet werden, der spielerisch die vorhandenen Melodiefragmente seiner Wissenschaftsdisziplin aufnimmt, mit ihnen jongliert wie ein juristischer Jahrmarktsartist, und diese letztendlich zur Symphonie seiner Dissertation zusammensetzt. Das virtuelle akademische Künstlerteam von Guttenberg hat darüber hinaus so gut funktioniert, dass viele Mitglieder des Teams gar nicht wussten, überhaupt in der Mannschaft zu sein. Dies zeugt nicht nur von überragender künstlerischer Qualität des Teamleaders, sondern eben auch von perfekter Führungsarbeit. Andere für sich arbeiten zu lassen, ohne dass diese die Belastung überhaupt merken, dass ist ganz große Kunst.

Guttenbergs Frau lässt sich übrigens nicht scheiden, hat sie doch erkannt, dass letztendlich auch ihr Mann, wie alle anderen ja auch, nichts anderes als ein implizites Zitat seiner selbst ist. Sie ließ verlauten, nach dieser Erkenntnis mache sogar das Sampeln wieder Spaß.

Morgenschöner

by fremdtrinker

Erwachen neun Uhr Zustand unerfreulich lange Nacht zu lange egal Bier und Freunde halbwegs gut letzteres besser erstes nur Becks egal trotzdem fuck zum Glück heute Heimat Büro kein Problem oder doch egal erst einmal Frühstück Müsli und Saft Vitamine sowieso wichtig dann ein Bier zehn Uhr und der Tag kann kommen und er kommt fuck Emails neu fünfzig erst einmal egal noch ein Bier Tag planen schon verplant noch ein Bier elf Uhr Emails lesen alles unwichtig Wichtigmacher bla bla kann man vertragen nicht wichtig Zielvorgaben wer kann die schon kontrollieren alles abstrakt kapiert doch eh keiner mehr gut reden ist was zählt Substanz doch schon längst weg egal viertes Bier Perl Script Debuggen warum läuft der Dreck immer noch nicht Loquendo Sprachapplikation Tuning Aufgabe kleine Skripte von optimiertem sprich abgebautem Kollegen geerbt natürlich keine Kommentare warum auch egal fuck Eclipse mit PadWalker Modul bringt keine Lösung Scheiße das Denken nach dem vierten Bier wird auch schon schwer ein fünftes kann da helfen Umstieg auf Jever wegen der Vitamine genau egal nun aber ran muss man ja auch sportlich nehmen den Dreck Recht auf Arbeitslosigkeit schön und gut aber die Arbeit kann ja auch Spaß machen sagt der Wirt ja immer also wieder probieren fuck immer noch USE OF UNINITIALISED VALUE fuck fuck fuck Newsgroups können da vielleicht helfen nein glaube ich nicht Jobs sind ja inzwischen so speziell geworden da werden Kollegen global gesehen schon ziemlich knapp fuck doch selber lösen okay ah okay einfach nur eine Zuweisung von einem elementaren Wert in einer Listen- sprich komplexen Umgebung das kann doch nicht funktionieren muss man denn ständig bei 00 anfangen oder was fuck noch ein Bier und  PAUSE  Caps lock on egal und off wer will schon 100% egal Anruf jetzt ziemlich überraschen aus USA interessant neues Projekt sorry project muss noch dieses Quartal zu Geld gemacht werden bewundernswert diese Amis für deren Schnelligkeit aus Scheiße Geld zu machen Sprachverarbeitung für stumme Alzheimer-Patienten dem Account Manager muss man aber wirklich einmal gratulieren also ehrlich also fuck aber egal die machen ja auch nur ihren Job so ein bisschen wie die Berater und irgendjemand muss ja schließlich immer ficken oder gefickt werden sagt Franz immer und der muss es ja wissen der alter Puffvater das letztes Bier für diesen Vormittag der Appetit fürs Mittagessen soll ja bleiben und nachmittags war ja da noch dieses wichtige Meeting mit diesen wichtigen Leuten für dieses wichtige Projekt egal Arbeit ist schon okay man darf es halt nicht zu wichtig nehmen wie war das bei Google 10% für eigene Projekte wir haben hier 110% fürs Saufen und das obwohl der deutsche Ingenieur als Abschluss abgeschafft wurde wieder mal verdammt effizient von uns fuck fuck fuck Umfallen vierzehn Uhr knapp zehn Minuten vor wichtigem Meeting egal dann halt doch Popliteratur Pop Pop fuck fuck …

Hoher Streckauslaster

by fremdtrinker

Die blanke Wut und zwei präzise Hiebe mit einem Teleskopabwehrstock respektive Abdrängstock beendeten das Leben des Zugbegleiters Arnulf Wegsam. Der Angreifer, ein gewisser Helmut Hartleib, hatte den Schlagstock, der auch die „kleine Machete des Mitteleuropäers“ genannt wird, beim Internet-Händler Amazon in der Rubrik Sport und Freizeit erworben.

Was hatte Hartleib nun dazu getrieben, ihn, diesen ängstlichen und zurückhaltenden Angestellten einer mittelgroßen Erdbeerenzuchtanstalt, mitten im montäglichen Berufsverkehr den Zugbegleiter Wegsam mit einer Abwehrwaffe anzugreifen und zu erschlagen?

Schlichte Gemüter schieben die unvorstellbare Bluttat auf den ärztlich attestierten „allgemeinen Erschöpfungszustand“ von Wegsam. Andere führen die gescheiterte Ehe, die festgefahrene Karriere, den ungesunden Lebensstil sowie den plötzlichen Tod des geliebten Goldfisches Pauly als Erklärungsmuster ins Felde.

Die Schlauen freilich wissen, dass einzig und allein die Deutsche Bahn (DB) Schuld trägt. Aha, wegen der permanenten Verzögerungen im Regionalverkehr, wegen überfüllter Schienenbusse und eisiger Totalausfälle? In gewisser Weise, nur ist dies nur die halbe Wahrheit. Denn alle diese Missstände konnte Hartleib ertragen. Auch die permanenten Verspätungsdurchsagen konnte der Erdbeerzüchter noch hinnehmen. Solche, die aufgrund eingefrorener oder geschmolzener Weichen, brennender Triebwägen oder ebensolcher Triebtäter und Jehova-Treuen Attentätern sogenannte „Verzögerungen im Fahrplanablauf“ im Minutentakt für die Dauer von Stunden ankündigten. All dies brachte sein Gehirn noch nicht zur Explosion.

Dann passierte allerdings eine Veränderung bei der Deutschen Bahn. Beraten durch hausinterne DB Consultants, modifizierte die Bahn ihre Durchsagenpolitik. Aus dem bunten Sammelsurium von unterhaltsamen und spannenden Vorkommnissen, welche den Fahrgästen in den sauerstoffarmen Waggonbiotopen als Gründe für stundenlange Verspätungen präsentiert wurden, entstand durch linguistische Dauerberatung eine einzige verbale Formel, mit derer die Bahn nun im Ernstfalle der Verspätung mit ihren Endkunden kommuniziert. Im Nachhinein stellte sich aber heraus, dass den DB Consultants eine schreckliche neue Formel geglückt war: die tödliche Durchsage. Alle störenden verbalen Details, jeglicher Sinn wurde entfernt, um die Kunden nicht zu überlasten (so die offizielle Begründung!). Die Weltenformel der Bahndurchsage hieß nun: Aufgrund hoher Streckenauslastung kommt es zu Verzögerungen im Betriebsablauf. Punkt. Keine Erklärung. So knapp, so präzise, so tödlich.

Aus dem psychiatrischen Gutachten des Totschlägers Hartleib ist nun zu erkennen, dass dieser das perverse Paradox dieser Verspätungsdurchsage schlicht und einfach nicht auflösen konnte. Das Gehirn von Hartleib ist in eine rekursive Abwärtsschleife ohne Abbruchbedingung geraten. Laut Zeugen stammelte der Goldfischfreund kurz vor der tödlichen Attacke auf den Zugbegleiter permanent die Worte … euch gehören die Züge, euch gehören die Gleise … ihr Schweine … wie kann die Streckenauslastung dann immer zu hoch sein … immer immer immer … wo ist eure Planung, wo ist eure verdammte Planung.

Dann schlug Hartleib mit alttestamentarischem Hass zu, immer und immer wieder. Der Regionalverkehr hatte seinen Sinn verloren und damit auch gleich seine Unschuld. Bye, bye Brio.

Reinschauen oder der Blick von oben

by fremdtrinker

Gott blickt auf die Welt, und sie ist nicht schön. Es gäbe so viele Dinge zu optimieren. So viele Stellschrauben, an denen der Herrscher über alle Dinge drehen könnte. Auch treiben sich offenbar einige auf dieser Welt Gottes herum, die offenbar gar nichts tun, außer, den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Kurzum, Gottes Betrieb läuft nicht perfekt. Gott-sein kann so etwas von nerven an solchen Tagen! Wenn Gott nicht nur so gütig wäre …

In diese Stimmung  platzte nun ein himmlischer Anruf über den neuen SkyTel-Anschluss.

Für einen kurzen Moment wünschte Gott die neue himmlische Kommunikationssuite 2.0 zur teuflischen Konkurrenz, setzte sich dann aber doch das Headset auf.
– Gott hier, hallo.
– Ja, Gott zum Gruße. Hier Eder von der Unternehmensberatung BrainExit and Company. Wir hätten da ein Angebot für Sie, es nennt sich „Der Blick von oben“.
– Das soll wohl ein Witz sein, ich bin der Chef von dem Laden hier, aller Anfang und auch gleich das Ende. Wo ich bin, da ist oben …
– Natürlich! Entschuldigen Sie, wenn ich dennoch unterbreche. Diese Reaktion haben wir öfters. Lassen Sie mich nur kurz fragen, haben Sie als Chef denn jemals einen aktuellen Utilisation- Report über Ihre Mitarbeiter, äh, Ihre Schöpfung erstellen lassen? Sprich, welche Geschöpfe unter Gottes Himmel entfalten denn nicht so ganz Ihr Potential …
– Hm, na ja. Nicht so global, nicht so Alpha-Omega-mäßig, wenn Sie meinen was ich weiß, äh, wissen was ich meine.
– Ihr Business Benefit bei der ganzen Geschichte wäre ein Überblick, welche Ihrer Geschöpfe im Hinblick auf die langfristige Berechnung des Business Success unter Einbeziehung des Totalerfolges aus wirtschaftlicher Sicht überhaupt noch zu halten sind. Samt Abwicklung der anderen.
– Hä?
– Kurz gesagt: Wer sind die Evolutionsverlierer, sie wissen schon, so wie damals die Dinosaurier …
– … ja ja, die hat ja der Kollege Teufel geholt!
– Richtig. Wir von BrainExit and Company würden Sie gerne bei dieser neuen Runde im Evolutionspoker unterstützen. Sie wissen schon, Survival of the Fittest und so. Es darf wieder ausselektiert werden.
– Aber dann gibt es bestimmt wieder Ärger, moralischen. Wenn ich nur daran denke, was mit der Dreifaltigkeit los war, damals, als ich als Weltengeneralunternehmer mal einfach so die Dinosaurier habe untergehen lassen. Der heilige Geist ist im Dreieck gesprungen. Dreifaltig.
– Klare Antwort von mir: Das wäre Ihnen damals mit BrainExit and Company nicht passiert. Dies aus folgendem Grund: Sobald Sie uns beauftragen, treten Sie ja aus der Verantwortung. Wir haben dann den allsehenden Blick von oben – Sie entschuldigen diese Allegorie. Welche Änderungen im Weltenlauf wir dann auch immer als notwendig sehen und durchführen, Sie als Gott sind fein heraus. Stellen Sie sich vor, die Evolutionsverlierer werden vom Erdball getilgt, ein großes Wehklagen setzt ein und alle fragen: Gott, warum hast du nichts getan? Und Sie können dann einfach nur bei einem guten Manna erwidern: Meine Kinder, ich bin bei Euch als sorgsamer Vater und Generalunternehmer. Aber gegen den unabhängigen Blick von oben und gegen die auf exakten Zahlen basierenden Entscheidungen von BrainExit and Company bin auch ich machtlos. Der Golem ist nun einfach in die Welt gekommen!
– Mein Gott – falls ich hier mal autoreferentiell sein darf -, das ist so durchdacht, so perfekt und perfide hergeleitet, da muss doch der Teufel die Finger im Spiel haben …

Und Gott hatte begriffen. Herr Eder zerfiel zu Staub.

Beraterbeenden 2.0

by fremdtrinker

Nun ist es also doch wieder passiert. Das limbische System tanzt Salsa nach einem Metronom am Anschlag, doch das Über-Ich verteilt strafende Peitschenhiebe. Nein, den Tod eines Menschen, noch dazu einen gewaltsamen Tod, den kann und darf man nicht gut finden. Selbst wenn es sich beim toten Menschen um einen „Berater für strategische Unternehmensführung“, neudeutsch einen „Principal Stategic Management Consultant“, handeln sollte.

Trotz dieser moralischen Anfechtungen stellte sich zumindest das Gefühl einer entspannten Zufriedenheit gepaart mit einer latenten „Recht so!“-Aufwallung im Kopfe und im Bauche ein. Dies alles ist geschehen beim gestrigen Blut-und-Tränen-Klassiker Tatort im Ersten Deutschen Fernsehen (Unter Druck).

Die Minuten danach: Erschrockene, biergetränkte Introspektion frei nach Novalis, auf dass der geheimnisvolle Weg nach innen gehen solle, brachte eine erschreckende Einsicht zutage – nein, halt, noch keine Einsicht, eher eine Sequenz aus beunruhigenden Fragen: Wann fliegen im wirklichen Leben die ersten Berater, Personalentscheider und Manager aus den Fenstern? War die Drohung der französischen Belegschaft einer Notechmoreno­-Fabrik, ebendiese nach Bekanntwerden der verschleppten Insolvenz des Notechmoreno-Konzerns mit Propangasflaschen in die Luft zu sprengen, ja war diese Drohung eine einmalige Angelegenheit oder nur ein Vorspiel zu dem, was uns im kommenden Aufstand erwarten wird? Und wer gewinnt noch mal, wenn fast alle verlieren?

Vereinfacht könnte man auch fragen: Wann ist genug eigentlich genug? Wenn es nur nach den real existierenden und noch lebenden Kollegen des ermordeten Management Consultants aus dem Tatort ginge, dann wäre genug erst die erste Stufe von mehr (dann gefolgt von noch mehr). Mehr Folgeaufträgen für die Beratungsfirmen, mehr „Pro-Kopf-Auslastung“ der Angestellten der globalen Unternehmen und einfach nur mehr von allem für immer weniger.

Nun gilt die Binsenweisheit, dass Menschen zu allem fähig sind, wenn sie nur stark genug unter Druck gesetzt oder in die Enge getrieben werden. Und dies freilich nicht nur in der konstruierten Wirklichkeit von organisierter Sonntagabendunterhaltung. Noch bleiben im wirklichen Leben die Propangasflaschen im Keller bei der Camping-Ausrüstung. Noch fallen die Berater lediglich unangenehm auf aber nicht aus diversen Fenstern. Aber schon wieder stimmt das limbische System südamerikanische Rhythmen an beim Gedanken, was denn den smarten Spezialisten zur Firmenabwicklung alles hätte passieren können, damals, als unter Aufgabe sämtlicher Anstandsregeln und sozialer Kriterien „schwarze Listen“ von überflüssigen Mitarbeitern erstellt wurden und diese intern als „Wasserköpfe“ bezeichnet wurden … Hey, Über-Ich, das darf doch wohl mal gesagt werden, oder!

Von Endspieltrinkern, Beraterbeendern und Personalentscheidern

by fremdtrinker

Der schmale Grat, auf dem wir wandeln.Die Schmalheit des Grates, auf dem sich der globalisierte Arbeitnehmer neuerdings bewegt, wird erst so richtig beim bewussten Blick in die Abgründe dieser Krete sichtbar. Aus Gründen des seelischen Selbstschutzes vernebelt der heutige Mensch mit geeigneter Medikation beziehungsweise ungeeigneter Hilfsmittel aber eben diesen Blick und damit auch die eigenen Sinne – Stichwort Endspieltrinker.

Die schützende Unschärfe des Visuellen wird aber manchmal durch überraschenden akustischen Input in Sekundenbruchteilen auf maximale Detailschärfe der Sehkraft geschaltet. Eine solche klangliche Eingabe kann etwa ein Satz wie der folgende sein: Sie bewegen sich alle auf einem sehr schmalen Grat. Geäußert von Personalentscheider Dr. Ohnegrund zu vier Arbeitskollegen des Autors. Dies geschah in der betriebseigenen Kantine der deutschen Niederlassung des komplett global aufgestellten Technologiekonzerns Oiweiah.

Solche Sätze von der Durchschlagskraft eines „Hasta la Vista, Baby“-Ausspruches kommen freilich nicht als Überraschungsbreitseite zum Zwecke einer verspäteten Sättigungsbeilage nach dem Kantinen-Menü Nummer 1 (Phantasie Lachs auf Reisraute). Nein, natürlich gibt es eine Vorgeschichte. Diese ist so langweilig wie schnell erzählt: Der mittelmäßige Technologiekonzern Oiweiah kauft den technologisch überlegenen, finanziell aber prekären, ebenfalls globalisierten Konkurrenz-Technologiekonzern Notechmoreno. Trotz exzellenter Beratung durch die Beraterfirma Brainexit and Company musste Oiweiah nach dem Kauf überraschend feststellen, dass man nicht nur Produkte und Kundenbeziehungen erworben hatte, sondern dass auch neue Kollegen mit eingekauft wurden. Der Ausspruch „Wir wollten IP-Telefonie und bekamen Programmierer“ machte die Runde in den Vorstandsetagen von Oiweiah. Zu allem Überdruss hatten diese neuen Kollegen nun zum Teil sehr gute, da sehr alte Verträge, welche nach dem Schlucken von Notechmoreno auch in der neuen Welt von Oiweiah Bestand hatten. Mist. Der globale Direktor zuständig für Personal bei Oiweiah, ein US-Amerikaner namens Jack T Man, ist wohl Urheber der globalisierten Beschimpfungsphrase Fucking German Arbeitsrächt. Dr. Ohnegrund als ausführende Gewalt von Jack T Man auf deutschem Boden versucht nun alles, um sich am Recht eben dieses Landes zu rächen. Was die Gesetze nicht hergeben, dies wird versucht, durch psychologisch gut geschulte Kommunikation wettzumachen. Und hier mündet nun also die absolut langweilige Vorgeschichte im Hier und Jetzt.

Dr. Ohnegrund begrüßt die ihm vorher noch völlig unbekannten „neuen“ Kollegen mit den Worten Na, Sie sind ja die Integrationsverweigerer von Notechmoreno. Sie bewegen sich alle auf einem sehr schmalen Grat. Pokern Sie nicht zu lange, Sie könnten herunterfallen. Einen schönen Tag noch.

Das erste assoziative Bild war freilich Boris Becker mit seiner Pokerrunde auf einer Krete mitten in den schweizerischen Bergen. Ein schönes Bild. Wer nicht gut genug blufft, stürzt in den Abgrund, noch bevor er sein Blatt auf den Tisch legen muss. Der nächste assoziative Hopser ging dann freilich zum Terminus Abgrund in einer übertragenen Lesart: der Abgrund des Krieges. Eine Punktlandung ohne Strich und Komma. Der Schmale Grat, im Original The Thin Red Line. Manchmal vergisst man ja beim Mittagessen zwischen Hauptgang und Betriebsschnaps, dass man sich in einem Krieg befindet, in welchem sämtliche roten Linien schon überschritten wurden. Man ist Kombattant in einem globalisierten Wirtschaftskrieg, einem 1000-Billarden-Renminbi-Stahlgewitter.  Der schmale Grat wird übrigens auch als DVD im Paket mit anderen Kriegsfilmen angeboten. Einer davon heißt Behind Enemy Lines. Dr. Ohnegrund hat recht, die Grate werden immer schmäler.

Languagesen>de YahooCE
Notechmoreno
%d Bloggern gefällt das: