fremdtrinken

Wenn fremdschämen nicht mehr reicht …

Kategorie: Sprachvorsteher

SozPädInnenPogo

by fremdtrinker

„Kopf hoch und Arsch in den Sattel!“, tönte es aus der Küche. „Erst in die Hölle und dann zu Ikea! Das trauernde Volk gegen das eine gute Leben. Ist es ein bisschen bitter oder wirklich schwer, das Glas halb voll oder doch halb leer? Und wen interessiert das bitte sehr …?“

„Mich auf alle Fälle nicht“, rief ich aus dem Bad, Handtuch um die Hüften, die Zahnbürste war frisch eingeschmiert. „Bist du denn wenigstens schon aufgeheizt?“

„Und dann beginnt der Verteilungskampf. Oh hallo Angst, und dich kriegen sie auch noch!“

Seit Saeco via DLAN auch Zugriff auf meine itunes-Sammlung bekommen hatte, war nichts mehr wie zuvor. Besonders schlimm wurde es dann aber vor zwei Wochen, als er die Playlist „Tanzende Sozialpädagogen“ entdeckt und lieben gelernt hatte. Seitdem zitiert er ständig Texte von Kettcar und Jupiter Jones. Alle meine Erklärungen, dass schon der Titel der Liedersammlung ironisch gemeint, und die Musik der Bands bemüht im Text und uninspiriert bei der Instrumentierung war, gingen bei Saeco per Aufschäumdüse in Dampf auf.

„Muss die Vollidioten grüßen, darf den Glauben nicht verlieren.“

Offensichtlich war er nun aufgeheizt. Wie so oft in den letzten Tagen, ließ ich mich wider besseren Wissen auf eine Diskussion mit ihm ein. Zuerst ging es um künstlerische Innovationen im Allgemeinen und den historischen Wert der sogenannten ‚Hamburger Schule‘ im Speziellen. Wie fast immer in den letzten Tagen endete unser Gespräch zu guter Letzt aber mit der Negierung sämtlicher Werte des jeweils anderen.

„Das ist doch Musik für Gutmenschen“, startete ich die Attacke. „Sozialpädagoginnen und Erziehungswissenschaftler, die Arm in Arm auf dem Kettcar-Konzert um die Wette schunkeln. Irrelevant.“ Ich war inzwischen in die fast vollständig in Dampf gehüllte Küche gekommen. Saeco war nun definitiv aufgeheizt. Allerdings hatte er momentan aber auch überhaupt keine Lust, Milch aufzuschäumen und Espressocrema zu produzieren.

„Du und dein elitäres Gehabe, das nervt manchmal ganz schön!“, zischte er von seinem Platz hervor. „Nie bist du mit irgendwas zufrieden zu stellen. Ich halte es da weiterhin mit Kettcar: Man sollte vielleicht aufhören zu hoffen, das Bier ist kalt, das Herz ist längst gebrochen …“

„Du bist aber kein Kühlschrank, du bist ein Siebträger, eine Kaffeemaschine!“, erwiderte ich. Erste Anzeichen von Koffeinentzug machten sich bei mir bemerkbar.

„An die Ironie-Hölle und die halb guten Witze, an das letzte Beben, die Apokalypse. Die Idylle hier drin und das Böse da draußen, an Calle del Haye als besten Linksaußen. An die Kopfschmerztabletten und Hoffnung als Mittel, an die Männer in weiß in den komischen Kitteln. Tut uns leid Herr Traurig, vielleicht einhundert Tage. An die beste Antwort auf die letzte Frage. Und nichts.“

Und Crema gab es auch nicht.

Mnemotechnik macciato

by fremdtrinker

„Du hast die Maus getötet.“
Der Satz von Saeco kam etwas unerwartet an diesem frühen Morgen.
„Auch dir erst einmal einen guten Morgen. Was habe ich mit der Maus getan?“, fragte ich noch etwas verschlafen.
„Sie ist tot. Du hast sie getötet. Sie liegt zwar immer noch auf deinem Schreibtisch, du benutzt sie aber nicht mehr. Was aber nicht mehr gebraucht wird, das lebt auch nicht mehr. Also hast du die Maus getötet. Punkt.“
Von dieser stringenten Beweisführung etwas geplättet, versuchte ich, das Thema zu wechseln; konnte ich mir doch gar nicht vorstellen, um diese frühe Uhrzeit mit meinem Siebträgerautomaten eine moralische Diskussion zu führen.
„Bist du denn nun endlich aufgeheizt? Zu dieser Jahreszeit brauchst du ja immer ewig. Ich sollte dich wohl auch mal wieder entkalken.“
„Warum tötest du mich nicht auch gleich, so wie du es mit der Maus getan hast?“
„Nun hör‘ aber mal auf, das wird jetzt ja direkt anstrengend mit dir. Schäume du erst mal die Milch auf. Wie kommst du denn überhaupt auf den Gedanken, ich hätte die Maus getötet? Und woher weißt du eigentlich von irgendwelchen Dingen, die am anderen Ende der Wohnung passieren.“
„DLAN“, blubberte er vor sich hin.
„Aha, daher wehte also der Wind“, sagte ich leise vor mich hin.
Mit dem guten alten WLAN konnte Saeco ja nicht viel anfangen, so modern war er nicht. Bezüglich des DLAN kam mir nun aber doch der Verdacht, dass diese moderne Netzwerktechnik über das Stromnetz wohl nicht ganz so abhörsicher zu sein schien, wie es uns die Werbung verkaufen wollte.
„Aha“, sagte ich nun hörbar. „Und auf den Trichter hat dich wohl dein neuer Kumpel, der Fernseher, gebracht, nehme ich an. Ihr seid ja inzwischen die dicksten Freunde geworden. Hast du den am Anfang nicht auch ständig angezischt, du mit deiner verkalkten Düse.“
„Wie dem auch sei, du lenkst ab. Was ist denn nun mit der Maus, die ist doch tot, oder?“ Saeco zischte nun im zweigestrichenen C.
Langsam ging mir ein Licht auf, was mein alter Freund meinte.  „Ach so, du spielst wohl darauf an, dass ich nun den Computer fast ausschließlich mit Tastenkombinationen bediene, nicht wahr?“
„Bingo“, zischte Saeco. „Und wurde die Maus nicht so unglaublich von dir geliebt, ach, wie du ihre ergonomischen Qualitäten in den Vordergrund gerückt hast, da wurde ja zeitweilig sogar deine Frau schon eifersüchtig.“
„Nun übertreibe mal nicht“, versuchte ich zu beschwichtigen. „Ich muss mich zwar vor dir nicht rechtfertigen. Da ich aber befürchte, dass ich ohne Erklärungen heute wohl überhaupt keinen Kaffee mehr bekomme …“
„Zisch“.
„Ich habe bei meinem Computer auf Tastensteuerung umgestellt, soweit wie nur eben möglich. Das ist wesentlich schneller, und man läuft auch nicht Gefahr, einen Mausarm zu bekommen. Für dich ein Beispiel: Wollte ich früher einen Paragraphen in einer Textverarbeitung löschen, dann markierte ich diesen mit der Maus und drückte dann auf die ‚Entfernen-Taste‘. Ich musste also meine Hände von der Tastatur lösen. Wollte ich danach weiterschreiben, musste ich mich erst wieder auf der Tatstatur positionieren, also vom Bildschirm weg- und auf die Tastatur hinsehen. Soweit verstanden?“
„Zischschsch“.
„Tja, und nun habe ich für das Löschen eines Absatzes, wie für fast alle anderen Dinge auch, eine leicht zu merkenden Tastenkombination. Hier etwa d a p, oder „delete a paragraph“.
„Oder ‚du alter Pe … zisch‘. Und wieviele Kombinationen musst du lernen, um schneller zu sein als mit der guten alten Maus?“
„Na ja, so zwei- bis dreihundert …“
„D a c a g t f sb! Zisch!“
„Delete a cup and go to fucking Starbucks?“
„Zisch. B i n g o.“

Querspreizwinkel

by fremdtrinker

Neulich mal wieder im Internet über Fachfragen und das passende Expertenwissen gestolpert. Eine Fachfrage wie diese: „Wie ist die korrekte Technik von Durchschlagsprung ½?“, fragte Heinz aus dem Land der Nichtwissenden. Die Antwort eines Cousins der allwissenden Müllhalde: „Es muss ein Querspreizwinkel gezeigt werden, ansonsten ist es Johnson.“ Und dann noch: „Sind Spreizhocksprung und Durchschlagsprung zum Spreizhocksprung unterschiedliche Elemente?“ Antwort: „Ja!“ Wow! Kürzer wäre schon länger. Würde mich jedenfalls nicht wundern. Und: Sind auch Sie froh, das Olympia endlich vorbei ist?

Virtuelle Kipferln

by fremdtrinker

Momentan beschäftige ich mich in der Hauptsache damit, mir den Spaß am Haptischen abzugewöhnen. Mein materieller Besitzstand ist ganz und gar ins Virtuelle umgesiedelt. Die dekorative 27-bändige Ausgabe des Literaturlexikons von Kindler etwa wurde bereits früher einmal gegen eine CD-ROM ausgetauscht. Aber auch diese CD war ja noch haptisch erlebbar, man nahm sie aus der Schutzhülle, legte sie in das Laufwerk und erfreute sich am sanften Surren, das erklang, sobald der Laser die blanke Scheibe traf. Schöne halb-alte Zeiten! Heute liegen sämtliche Daten des Lexikons in einer virtuellen CD-Datei auf der Festplatte. Möchte man nun etwa nach Kafka und seinen Winkeladvokaten schauen, muss man diese CD-Datei erst einmal „mounten“, also auf den Gipfel der Wahrnehmung heben, nachdem sie für längere Zeit mit ihren virtuellen CD-Brüdern im Tal der Festplatte überwinterte. Jede nicht „gemountete“ CD ist also ein Versprechen, mit dem Benutzer (früher: Leser) gemeinsam einen wie auch immer gearteten Gipfel zu besteigen (etwa den Gipfel der Erkenntnis, einfach nur ein Kipferl oder gar „Das ist ja der Gipfel!“). Waren zwar auch in der richtig alten Welt die Bücher im Regal nur Hinweise auf das, was man noch alles lesen (oder gar tun) könnte, so waren sie dennoch stets präsent im Raum der Wirklichkeit. Jeder Titel war gut auf dem Buchrücken zu lesen, jedes Buch hatte also ein deutliches und eindeutiges „Label“. Heute muss man ins Tal und manchmal gar ins Bergwerk der Ordnerstruktur der eigenen Festplatte hinabsteigen, um diese Label als kryptischen Dateinamen zu suchen. Nichts springt einem mehr ins Gesicht, nichts buhlt mehr um Aufmerksamkeit. Dem Stöbern in der eigenen Bibliothek ist das Information Retrieval auf der Festplatte gewichen.

Auf besagte Weise verschwanden also die Gesamtwerke von Goethe, Schiller, Kant und Freunden in den Tiefen der virtuellen Platten. Dasselbe geschah mit dem Rest der Bibliothek. Selbstredend fiel allen alten Schallplatten und Musik-CDs das nämliche Schicksal anheim. Die paar Monate des Archivierens musste man einfach investieren, der Vorteil eines leeren Raum ist ja in Manntage gar nicht aufzuwiegen. Aber eigentlich empfinde ich das alles ja als Zumutung! Dennoch, da tief in mir natürlich auch ein Minimalistenherz schlägt, habe ich mich eben zu schweren Abschieden durchgerungen. Nun ist es aber geschafft: Alles in meiner Wohnung ist auf irgendeine Art glatt, weiß und leer. Alle Medien sind entweder auf einer meiner Festplatten oder haben sich temporär auf einem meiner Mobilgeräte niedergelassen. Letzteres aber nur solange, bis die neue Ausgabe der virtuellen Zeitschrift den Vorgänger vom Gerät fegt.

Alles ist hier nun frei von Buchrücken, frei von Labels und Beschreibungen. Auf den Bewohner dieses Hauses ist eigentlich kein Rückschluss mehr möglich. Fast so wie in der freien Natur, dort steht ja auch nicht „Baum“ auf dem Baum! Daheim und in der Natur ist nun alles perfekt harmonisch, nichts lenkt mehr vom Wesentlichen ab (Mehr zum Wesentlichen im nächsten Artikel).

Neulich das erste Mal am Rhein gewesen, man erzählt sich ja soviel von dieser Dame namens Loreley. Ich biege also in meinem label-freien Auto um die Biegung des Rheins und schon eröffnet sich der Blick auf den berühmten Felsen dieser eben genannten Dame. Der Fels ist nicht zu verfehlen, er hat nämlich ein Label nahe seines Gipfels: LORELEY. Das erinnerte mich wieder daran, dass man jetzt in der Bierblume bei Heinz auch Aperol Spritz bekam.

Falschverbinder

by fremdtrinker

Als Feind hinzufügenSeit von radikalen Facebook-Bekämpfern die Post-Freundschafts-Ära ausgerufen wurde, bekam ich so gut wie überhaupt keine elektronische Post mehr. Wenn dann doch einmal, dann ging nur noch Spam ein. Und auch dieser war nicht mehr so wie in den guten alten Zeiten der Penisverlängerungsangebote:

Guten Tag

Unsere Gesellschaft die GrandMasterGroup-Firma mit der reichen Geschichte und der guten Reputation  offnet den Satz der Mitarbeiter .

Wenn Sie der verantwortliche anstandige Mensch der den minimalen Forderungen entspricht: die Volljahrigkeit, das grundlegende Wissen des PC, die Verantwortung. Dieser jene Vorschla  fur Sie!

Warum brauchen wir Sie? Als internationales Gesellschaf bieten wir unseren Besteller effizienteste Dienstleistungen, inkl. Banktransfer mit minimalen Servicegebuhren an. Die minimalen Gebuhren treten bei der Uberweisung zwischen zwei Konten bei derselben Bank auf. Um minimale Transfergebuhren fur unsere Besteller zu sichern, haben wir Kontos in jeder Bank von Europa, Asien und Amerika zu offnen, was unmoglich und  unausgiebig fur uns ist.

Wir haben die  Beschluss getroffen, die regionalen Verkaufsmanager weltweit anzuwerben, um die Bankkonten in der ganzen Welt zu haben. Sie erhalten Uberweisungen von unseren Besteller, die Sie auf unsere ortlichen Bankkonten weiter transferieren.  Nach dem  Annahmehaben Sie zu uberzeugen, dass Geldtransfer das Zielkonto erreicht hat. Dieser Job ist fur Mutter, Studenten, Arbeitslosen, Freiberufler und fur jeden Menschen, der uber etwa 3 Stunden pro Tag verfugt.  Verpassen Sie Ihre Zeit nicht. Nutzen Sie sofort Ihre Chance ! Sie haben nichts zu verlieren!

Wenn Sie der gegebene Vorschlag bitte interessiert hat verbinden Sie sich mit uns nach e-meil: job@grandmastergroupmail.com . In den Brief erzahlen Sie ein wenig von sich, bezeichnen Sie Ihre die Kontaktinformationen. Wir werden uns mit Ihnen verbinden!

Für wie dumm hielten die mich? Weder war ich anständig, noch verfügte ich über die minimalen Anforderungen. Von den drei Stunden pro Tag mal ganz zu schweigen. Allerdings, verpassen Sie Ihre Zeit nicht!, dieser emotionale Aufruf verpasste dann doch auch bei mir seine Wirkung nicht. Nur um ganz sicher zu gehen, leitete ich die E-Mail an alle meine Feinde auf fressebuch.com weiter. Bei denen wurden Syntax und Semantik ja eh mit der Buchstabensuppe ausgeschüttet. Unmoglich und unausgiebig!

Fremdgeschrieben

by fremdtrinker

Besser hätten wir es hier auch nicht machen können, also lassen wir es gleich ganz sein. Verwiesen sei lediglich auf eine alte Kollegin: Frau Burmester wurde mit Ihrem offenen Brief an Doktor außer Dienst von und zu Guttenberg zum Fremdtrinker der Herzen erhoben! Herzlichen Glückwunsch zur gesunden Hybris!

No Presso

by fremdtrinker

„Nur die Ruhe bringt´s!“ Diese alte aber doch stets aktuelle Weisheit meines Vaters war das Einzige, was ich auf den überschäumenden Wortschwall von Saeco erwidern konnte. Zugegeben, nicht meine stärkste Replik in diesem Jahr, aber immerhin brachte sie mir ein paar Sekunden morgendlicher Ruhe von den verbalen Ergüssen meines depressiven Ein-Viertel-Espresso-Halbautomatens . Saeco dampfte währenddessen weiter aus seiner leicht verschmutzen Aufschäumdüse vor sich hin. Sein Dampf benetzte bereits die untere Seite des Küchenhängeschranks, dessen Anrichte er schon seit Jahr und Tag sein Zuhause nannte. Dass es aber immer noch in im brodelte, dass er noch längst nicht mit unserer Diskussion abgeschlossen hatte, dies erkannte ich aus den gurgelnden, glucksenden und blubbernden Geräuschen, welche aus den Eingeweiden seines etwas verkalkten Boilers kamen. Und schon legte er auch wieder los:

–      Nehmen wir also nur mal für eine Sekunde lange an, ich glaubte Dir. Mal für eine Sekunde. Stellen wir uns also vor, du würdest als einer der wenigen NICHT auf diese plumpe Werbung dieser Schweizer hereinfallen und dir also NICHT eine dieser ach so sexy aussehenden, so superpotenten und vollautomatischen Kapselmaschinen anschaffen, würdest du dann aber auch über die nächsten Jahre die Diskussionen mit Deiner Frau durchstehen, die mich – und ich zitiere hier wörtlich –, bereits mehrfach als vierschrötige, klotzig und klobige Ungestalt bezeichnet hat, welche wie aus der Zeit gefallen wirke? Na, glaubst Du, das stehst du auf Dauer durch, oder werde ich nicht doch dann gegen eine dieser Kapselmaschinen ausgetauscht und verschrottet, ich, der dir über Jahre mehrmals täglich deinen caffé macciato gezaubert hat?

Immer wieder faszinierte mich seine perfekte Intonation italienischer Kaffeespezialitäten. Gut, er war ja auch vom Fach. Stets brachte er mich damit aber wieder in Gedanken zurück nach Bella Italia: Mein Saeco war und blieb dieses Gefühl von Unbeschwertheit einer morgendlichen Agip Tankstelle an der Brennerautobahn mit einem dampfenden Espresso in der Hand.

–      Schläfst du wieder, oder was?

Allerdings war Saeco im Laufe der Zeit doch ein klein wenig hektischer und fordernder geworden als eine Agip Tankstelle in der Morgensonne. Dies lag wahrscheinlich daran, dass er bereits seit zwei Jahrzehnten ein deutsches Herrchen hat. Eventuell hätte ich ihm in seinen jungen Jahren etwas mehr von der Weisheit meines Vaters vermitteln sollen. Gut, dafür war es jetzt wohl zu spät.

–      Nein, nein, ich bin völlig bei Dir. Mir ist nur wieder gerade aufgefallen, dass du immer noch nicht den Namen dieser Kapselmaschinenhersteller aussprechen möchtest. Das erinnert mich halt nur ein wenig an die Zeit, als Porsche zu uns kam, und du ihn mindestens ein halbes Jahr lang komplett ignoriert hast. Und nur weil …

–      Wer sich als Wasserkocher wie ein Sportwagen nennt, der muss doch auch hochgradig gestört sein! Bildet sich ja soviel ein, der feine Herr, nur weil er aus einem ach so tollen Designstall kommt, der Schnösel …

–      Kann es nicht sein, dass du einfach sauer warst, weil nun nicht mehr alles kochende Wasser mühsam über deine Heißwasserdüse kommen musste, so wie während unserer gemeinsamen Studententage, sondern es nun einen Profi gab, der diese Funktion übernahm?

Saeco gurgelte und blubberte weiter vor sich hin, schwieg aber ansonsten. Offenbar haben wir Amateure alle Probleme, wenn wir durch Profis ersetzt werden. Oder umgekehrt. Ich sollte Saeco in das nächste Zielfindungsgespräch mit wahlweise meinem Chef oder meiner Therapeutin nehmen. Momentan genoss ich aber einfach nur die Ruhe an diesem Sonntagmorgen, untermalt von einem meditativen Blubbern und Glucksen.


Das Schuhanprobesyndrom

by fremdtrinker

Dass nun auch der Kulturbetrieb endlich einmal ein Männerkrankheitsbild als Sujet entdeckt hat, bringt wenigstens in Ansätzen ein Gefühl, welches mit Genugtuung beschrieben werden könnte. So wird etwa momentan am Theater Kiel im Stück Schwitzende Männer im Schuhgeschäft ein Phänomen aufgegriffen, welches in der medizinischen Fachwelt auch als Schuhanprobesyndrom bekannt ist. Zu 95 % sind davon Männer betroffen. Das Syndrom tritt stets auf, wenn ein Mann im Schlepptau einer Frau mal eben schnell ein Schuhgeschäft betreten muss, weil es dort wohl laut Anneliese gerade unglaublich gute Angebote gebe. Was daraufhin passiert ist in etwa immer dasselbe: Der Blutzuckerspiegel des Mannes fällt innerhalb der ersten 30 Sekunden nach Betreten des Geschäftes ins Bodenlose, er wird von zunehmend stärker werdenden Gähn-Attacken gepeinigt und rettet sich zumeist auf eine der in jedem besseren Schuhgeschäft bereitstehenden Notfallpritschen (in Billig-Schuhläden sackt er einfach mit einem kurzen Seufzer zu Boden).

Von Frauen wird dieses Verhalten oftmals in seiner Gänze fehl interpretiert oder gar als mutwillige Sabotage des gemütlichen Einkaufsbummels missverstanden. Die moderne Paarforschung hat hingegen schon längst eine psychosomatische Erklärung dieses Phänomens parat: Können Singles über ihre eigenen Energiereserven relativ frei verfügen, so besitzt jedes Paar nach einer gewissen Zeit einen gemeinsamen Pool von Energie, in welchen die Einzelenergien der Partner komplett aufgehen. Beim Betreten eines Schuhgeschäftes gerät die Frau dann in einen völlig ekstatischen Zustand und muss daher den gemeinsamen Energiepool massiv anzapfen, um nicht aufgrund der zahlreichen Schnäppchen zu hyperventilieren. Im Gegenzug erlebt der Mann zur gleichen Zeit eine energetische Ebbe, gegen die sich die Müdigkeit nach dem Sexualakt als extrem euphorisches Gefühl beschreiben ließe.

Das Phänomen dieser einseitigen Nutzung des gemeinsamen Energiepools sollte sich eigentlich auch in umgekehrter Konstellation beobachten lassen, etwa wenn Mann und Frau gemeinsam Elektronikmärkte, Second-Hand-Plattenläden oder gar Fußballspiele besuchen. Leider gibt es hierzu jedoch kaum verlässliche empirische Daten.

Quizzinger

by fremdtrinker

Kennen Sie Quizzes? Nicht? Gut, fangen wir einmal wieder bei null an. Quizzes  ist ein Wort im Plural, und Quizzes sind modern. Ein Quiz, viele Quiz, so will es eigentlich der Duden. Wollen Sie aber Meinungen oder gar das Wissen junger Menschen sammeln und analysieren, sind Sie also an Fragen wie „Sex und Drugs und Rock’n’Roll – wie viel Rock fließt durch Deine Adern?“ oder ähnlich Interessantem interessiert, dann fangen Sie die Teenies mit Quizzes im Internet.

Auch der Fremdtrinker ist an Weltsicht, Wissensschatz und Kennerschaft seiner jungen und treuen Leserschaft interessiert. Daher also das erste Quiz auf diesen heiligen Seiten:

  1. Wie viel Lumen pro Watt braucht das Licht am Ende des Tunnels?
  2. Wie viele Konnotationen hat der Name des Fußballvereins Wehen Wiesbaden?
  3. Was ist die ideale Erweiterung des Satzfragmentes Es ist egal, aber …?
  4. Deutsche Muttermilchforschung – gibt es da wirklich etwas von Ratiopharm?
  5. Und warum was?

Sämtliche Antworten bitte per elektronischer Post an coudntcareless@myhole.deep.

 

Des Prinzens neue Geräusche

by fremdtrinker

Donnerhall und PulverdampfNeulich wurde es einmal wieder Frühling im Krieg. Dennoch fragte sich Karl-Hugo, unser bekannter, stets schlecht gelaunter Wohnkloner und Misanthrop, wie viele Schlachten des Lebens man wohl noch verlieren könne, bevor der Krieg endgültig vorbei war. Er, dieser leicht dickliche, übersensible und etwas weinerliche Möchtegernlebemann war in den Gefechten des Alltages stets mit scheinbar überlegenen Gegnern konfrontiert: Menschen, denen Gefühle wie Zurückhaltung und Bescheidenheit, eben eine gewisse Dezenz, völlig fremd waren. Nirgendwo wurde dies deutlicher als auf öffentlichen Bürotoiletten. Während es für Karl-Hugo nahezu unmöglich war, seine großen Geschäfte in einer dieser Toilettenkabinen zu verrichten, hatten die Alpha-Männchen, die er seine Kollegen nannte, damit offenbar keine Probleme. Aufgereiht wie Legehennen saß und schoss die Batterie der Klokabinen aus vollen Rohren, mit Kawumms und Pulverdampf. Unser Held musste stets unverrichteter Dinge von dannen ziehen und konnte – voll von Emotionen und Ballaststoffen – sich erst spät abends auf dem heimatlichen Wohnklo entleeren. Er wusste, so konnte es nicht weitergehen. Es ging hier nicht nur ums Koten, sondern um seine allgemeine Einstellung zum Leben. Wieso nahmen sich andere ohne Bedenken Rechte und Freiheiten, während er hartleibig und mit Bauchschmerzen durch seinen Alltag schlich?

Karl-Hugos Psychologin gab ihm, wie schon so oft zuvor, die entscheidende Analyse seines Verhaltens samt konkreter Handlungsanweisung: Das könnte eine Rhypophobie im Anfangsstadium sein gepaart mit den uns ja schon so bekannten Minderwertigkeitskomplexen. Ich empfehle Ihnen dringend die Anschaffung einer sogenannten Geräuschfee. Das ist ein kleines Gerät, welches angenehme Naturgeräusche, wie etwa den Klang eines Wasserfalls oder Wellengang, produziert, und somit sowohl Ihre eigenen Toilettengeräusche als auch die der Kollegen filtert.

Karl-Hugo war begeistert. Das neuste Modell der Geräuschfee wurde angeschafft. Auf Anraten seines Freundes Franz modifizierte er allerdings die Auswahl an Geräuschen. Franz meinte nämlich, er müsse endlich offensiver dem Leben gegenüber sein. Dies sollte nun mithilfe der Fee auf dem Büroklo beginnen. Viel zulange schon hatte er Mäuschen gespielt, nun wollte er allen den Tiger zeigen.

Montag, zwei Uhr nachmittags. Alle Kabinen bis auf eine waren voll besetzt. Die Kollegen schieden wohl gerade das heutige Kantinenessen aus, Schweinswürste mit Sauerkraut. Eine Atmosphäre wie im dritten Kreis der Hölle. Karl-Hugo betrat selbstbewusst seine Kabine und brachte sich auf seinem Thron in Position. Die Fee hing er mit der zugehörigen Schlaufe an die Türklinke. Dann wählte er das Programm Geräuschfee Ludwig Van 2.1. Es brauste ein Ruf wie Donnerhall durch die heiligen Hallen der Legebatterien:

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium!
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, Dein Heiligtum.

Freude sprudelt in Pokalen;
in der Traube goldnem Blut
trinken Sanftmut Kannibalen,
die Verzweiflung Heldenmut.

Brüder, fliegt von euren Sitzen,
wenn der volle Römer kreist;
lasst den Schaum zum Himmel spritzen:
dieses Glas dem guten Geist!

Es ging voran. Karl-Hugo gab den Ton an. Endlich wieder richtig scheißen können.

 

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