fremdtrinken

Wenn fremdschämen nicht mehr reicht …

Des Prinzens neue Geräusche

by fremdtrinker

Donnerhall und PulverdampfNeulich wurde es einmal wieder Frühling im Krieg. Dennoch fragte sich Karl-Hugo, unser bekannter, stets schlecht gelaunter Wohnkloner und Misanthrop, wie viele Schlachten des Lebens man wohl noch verlieren könne, bevor der Krieg endgültig vorbei war. Er, dieser leicht dickliche, übersensible und etwas weinerliche Möchtegernlebemann war in den Gefechten des Alltages stets mit scheinbar überlegenen Gegnern konfrontiert: Menschen, denen Gefühle wie Zurückhaltung und Bescheidenheit, eben eine gewisse Dezenz, völlig fremd waren. Nirgendwo wurde dies deutlicher als auf öffentlichen Bürotoiletten. Während es für Karl-Hugo nahezu unmöglich war, seine großen Geschäfte in einer dieser Toilettenkabinen zu verrichten, hatten die Alpha-Männchen, die er seine Kollegen nannte, damit offenbar keine Probleme. Aufgereiht wie Legehennen saß und schoss die Batterie der Klokabinen aus vollen Rohren, mit Kawumms und Pulverdampf. Unser Held musste stets unverrichteter Dinge von dannen ziehen und konnte – voll von Emotionen und Ballaststoffen – sich erst spät abends auf dem heimatlichen Wohnklo entleeren. Er wusste, so konnte es nicht weitergehen. Es ging hier nicht nur ums Koten, sondern um seine allgemeine Einstellung zum Leben. Wieso nahmen sich andere ohne Bedenken Rechte und Freiheiten, während er hartleibig und mit Bauchschmerzen durch seinen Alltag schlich?

Karl-Hugos Psychologin gab ihm, wie schon so oft zuvor, die entscheidende Analyse seines Verhaltens samt konkreter Handlungsanweisung: Das könnte eine Rhypophobie im Anfangsstadium sein gepaart mit den uns ja schon so bekannten Minderwertigkeitskomplexen. Ich empfehle Ihnen dringend die Anschaffung einer sogenannten Geräuschfee. Das ist ein kleines Gerät, welches angenehme Naturgeräusche, wie etwa den Klang eines Wasserfalls oder Wellengang, produziert, und somit sowohl Ihre eigenen Toilettengeräusche als auch die der Kollegen filtert.

Karl-Hugo war begeistert. Das neuste Modell der Geräuschfee wurde angeschafft. Auf Anraten seines Freundes Franz modifizierte er allerdings die Auswahl an Geräuschen. Franz meinte nämlich, er müsse endlich offensiver dem Leben gegenüber sein. Dies sollte nun mithilfe der Fee auf dem Büroklo beginnen. Viel zulange schon hatte er Mäuschen gespielt, nun wollte er allen den Tiger zeigen.

Montag, zwei Uhr nachmittags. Alle Kabinen bis auf eine waren voll besetzt. Die Kollegen schieden wohl gerade das heutige Kantinenessen aus, Schweinswürste mit Sauerkraut. Eine Atmosphäre wie im dritten Kreis der Hölle. Karl-Hugo betrat selbstbewusst seine Kabine und brachte sich auf seinem Thron in Position. Die Fee hing er mit der zugehörigen Schlaufe an die Türklinke. Dann wählte er das Programm Geräuschfee Ludwig Van 2.1. Es brauste ein Ruf wie Donnerhall durch die heiligen Hallen der Legebatterien:

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium!
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, Dein Heiligtum.

Freude sprudelt in Pokalen;
in der Traube goldnem Blut
trinken Sanftmut Kannibalen,
die Verzweiflung Heldenmut.

Brüder, fliegt von euren Sitzen,
wenn der volle Römer kreist;
lasst den Schaum zum Himmel spritzen:
dieses Glas dem guten Geist!

Es ging voran. Karl-Hugo gab den Ton an. Endlich wieder richtig scheißen können.

 

Befindlichkeitsbäuerchen

by fremdtrinker

„Natürlich ist das psychosomatisch. Willst Du das Gutachten vom Arzt sehen, oder was? Da steht ganz klar drin: Patient eruktiert hochfrequent aufgrund psychischer Überlastung bei der Aufnahme rechten Gedankenguts. Ich kann da nichts dafür, das ist die Gesellschaft, die muss sich ändern, dann muss ich auch nicht mehr bölken. “

NS RülpserFranz war außer sich, das machte schon die leicht übertriebene Lautstärke seiner letzten Äußerung klar. Die Leute an den Nebentischen schauten auch schon etwas verstohlen herüber. Egal, dachte ich mir, wer seine Abende in einem Lokal wie der Bierblume zum freien Willen verbrachte, der durfte doch eigentlich überhaupt keine Ansprüche an irgendetwas mehr haben, oder? Wie auch immer, Franz war offenbar doch etwas verärgert mit mir. Wie konnte ich es nur wagen, seinen Zustand nicht als eine wirklich ernst zu nehmende Krankheit anzuerkennen. Bölken, dachte ich mir dann, mein Gott, Franz ist wirklich ein Nordlicht, den Ausdruck hatte ich ja noch nie gehört. Klingt irgendwie nach einem Bauernhof in der Lüneburger Heide. Doch dann riss mich mein guter Freund mit einem lauten Heil! aus meinen Gedanken, welches von einem leiseren, gezischten, etwas kleinlaut klingenden Sieg gefolgt wurde.

„Alles okay“, fragte ich?

„Nein, nichts ist okay. Gar nichts. Kannst du dir eigentlich vorstellen, wie peinlich das in der Öffentlichkeit ist, wenn du permanent diese Nazi-Slogans rülpsen musst?“ Und nein, um deine Frage gleich vorweg zunehmen, mit dem Tourette-Syndrom hat das auch nichts zu tun. Bei mir ist ja ganz klar festgestellt worden, was diese körperlichen Reaktionen auslöst: schwarz-braunes Gedankengut, je brauner, desto schlimmer. Mein Arzt nennt das Ganze den NS-Rülpser“.

„Na gut, dann halte dich doch einfach nur von diesen Dingen fern, so von der CSU und so. Problem erkannt, Problem gebannt. Und weg ist der Adlerhorst, ich mein …“. Weiter kam ich jedoch nicht, denn CSU und Adlerhorst in einem Satz, das war zu viel für Franz. Ein phänomenaler NS-Rülps-Anfall brach sich Bahn.

„Heil, zisch zisch … Sieg … HEIL, zisch zisch … Sieg! GAUWEILER! HEIL!“

Ich versuchte so unbeteiligt und so tolerant zu schauen, wie nur eben möglich. Dennoch verstand ich langsam, dass Franzens Freunde in letzter Zeit immer öfter vorgaben, angeblich beruflich so eingespannt und damit knapp an freier Zeit zu sein, wann immer Franz sie auf ein Bierchen in seiner Eckkneipe treffen wollte. Nichts jedoch übertraf die Art und Weise, wie sich seine Freundin Astrid vor etwa einem Monat von ihm getrennt hatte. Gut, da lag wohl vorher schon einiges im Argen. Aber dass sie den armen Franz in seinem eigenen Schlafzimmer einsperrte, bevor sie den Rest der gemeinsamen Wohnung ausräumte, das war schon ziemlich gemein. Richtig fies wurde es aber, als sie, bevor sie ging, noch im Wohnzimmer die Stereoanlage auf volle Lautstärke stellte. Im CD-Spieler befand sich das Audio-Book von Deutschland schafft sich ab. Im Bericht des Notarztes, den besorgte Hausbewohner gerufen hatten, wurde von einem völlig erschöpften, schwach und leise vor sich hin rülpsenden Mittdreißiger berichtet, der kaum mehr ansprechbar war. In seinen Händen hielt er völlig verkrampft das Buch Das Herz schlägt links von Oscar Lafontaine. Instinktiv hatte Franz zum einzig passenden Gegengift gegriffen. Nur der Oscar konnte es noch richten. Wie viele versteckt und offen lebende NS-Rülps-Geschädigte es wohl in unserer Gesellschaft gibt? Hat man damals Eva Herman vielleicht sogar Unrecht getan, war auch sie ein Opfer?

Offenbar kann Franz nun auch schon Gedanken lesen, der nächste Anfall kam sofort:

„Heil, zisch zisch … Mutterkreuz … HEIL, zisch … Sieg! DEUTSCHE MUTTER!“

Der lange Stil der fremden Federn

by fremdtrinker

Der Mensch giert nach Anerkennung, jeder Mensch. Er trainiert Geist und Körper, möchte stets etwas größer, witziger, souveräner, stärker oder klüger erscheinen, als er in Wirklichkeit ist. Der ehemalige Dr. jur. Karl-Theodor zu Guttenberg gab das jüngste traurige Beispiel, wohin dieser falsche Ehrgeiz führen kann, nämlich unverzüglich ins Plagiat. Alles wird heute kopiert, mal wörtlich, mal sinngemäß. Immer seltener werden hierbei die geistigen Urheber genannt, immer öfters schmück der Mensch sich mit den geistigen Ergüssen anderer. Dies endet bei kompletten Doktorarbeiten, die lediglich aus Fragmenten fremder Texte bestehen, quasi in der Champions League der Plagiate. Aber auch in den Kreisligen der Internet-Publikationen ist Vergleichbares zu beobachten, hier nur ein Beispiel von vielen:

Ein gewisser Wolfgang Spinnler hat im deutschen Online-Shop von Amazon an die 80 CD-Rezensionen verfasst, die meisten davon über Meisterwerke des Pops der 80’er Jahre. Hier ein Auszug aus seiner Besprechung der Platte Rum, Sodomy And The Lash der Gruppe The Pogues:

Auch ausgebombte Punks sind irgendwann auf der Suche nach bleibenden Werten. […] Mit Sänger Shane MacGowan der kaum noch Zähne hatte produzierten die POGUES unter der Regie von Elvis Costello einem der besten Songwriter Brita[n]niens eine Scheibe die schepperte wie die Sammelbüchse am Totensonntag. Bei den sentimentalen Songs der Pogues hatten sich schon die Großväter der Bandmitglieder in den Armen gelegen. Und warum sollten es ihre Enkel anders machen?

Schön schnoddrig und gemäß den Stilvorgaben der frühen Pop-Literatur geschrieben, nicht wahr? Leider ist diese Rezension jedoch in Auszügen wörtlich und ansonsten sinngemäß ohne Quellenangabe übernommen – vulgo geklaut – worden. Immerhin bewies der Wortdieb Geschmack, er kopierte aus der Lifestyle-Zeitschrift Tempo, genauer gesagt aus einer Ausgabe vom Dezember 1989 mit dem Titel Die besten Platten, Filme & Bücher der 80er Jahre. Dort steht zur selben Platte geschrieben:

Ausgebombte Punks auf der Suche nach bleibenden Werten. Der Sänger hatte kaum noch Zähne, und die Platte scheppert wie eine Sammelbüchse am Totensonntag. Zu den sentimentalen Melodien der Iren hatten sich schon ihre Großväter in den Armen gelegen. Warum sollten es die Enkel anders machen?

Noch ein Beispiel von weiteren 79? Herr Spinnler über eine Platte der Gruppe Soft Cell:

Lustvoll stöhnend beichtete er [Marc Almond] bei „Sex dwarf“ sein Leben als Sex-Zwerg. Und „Tainted love“ war als Northern-Soul-Hymne so sauber eingespielt, daß sie bis heute nach 22 Jahren genauso frisch klingt wie 1981. Und wer sich noch an die Videos der beiden erinnern kann, sofern er sie gesehen hat wird noch heute feststellen, daß diese jeden Beate-Uhse-Film zur jugendfreien Familienunterhaltung degradieren.

Im Original:

Lustvoll stöhnend beichtet Marc Almond sein Leben als Sexzwerg. Ihre Videoclips degradieren noch heute jeden Beate-Uhse-Film zur jugendfreien Familienunterhaltung.

Und so weiter, und so weiter. Man beachte: Da hat sich jemand tatsächlich die Mühe gemacht, an die 80 Plattenkritiken aus einer Zeitschrift umzuschreiben, dabei offensichtlich größten Wert darauf gelegt, niemals exakt wörtlich zu zitieren aber die ihm als „cool“ erscheinenden Phrasen auf alle Fälle zu übernehmen. Warum schreibt jemand, dem keine eigenen Worte in den Sinn kommen, so viele Texte. Kann das wirklich nur die Sucht nach Anerkennung sein, oder ist das schon krankhaft?

Übrigens: Sämtliche Bilder dieses Blogs sind geklaut.

Meines Rechners Unterpfand

by fremdtrinker

„Bezüglich der Sekurität Ihres neuen Rechners sind Sie bereits gut aufgestellt, oder?“, fragte mich der freundliche EDV-Fachverkäufer eines wohlbekannten Elektronikmarktes in Mombach, als er mir das Paket mit dem von mir soeben erworbenen Computer auf den Einkaufswagen wuchtete. Das interne Synonymwörterbuch in meinem Kopf, welches stets beim Hören zuvor lang nicht vernommener Wörter ansprang, lieferte für den Begriff Sekurität in Bruchteilen von Sekunden die passende Übertragung ins Alltagsdeutsche: Sicherheit. Während ich noch verwundert und auch etwas bewundernd über die Wortgewandheit des Verkäufers innehielt, lieferte mein Wörterbuch bereits ungefragt sämtliche Bedeutungsnuancen von Sicherheit  in Form einer Liste weitere Synomyme: Geborgenheit, Glaubwürdigkeit, Selbstvertrauen, Weltläufigkeit, Garantie, Obhut und so weiter, und so weiter. Aha.

„Nun ja“, begann ich, „ich werde wohl die Systempartition mit TrueCrypt verschlüsseln, wahrscheinlich mit dem AES-Twofish-Serpent-Algorithmus. Als Virenschutz dürfte ich den aufgebohrten Microsoft Securtiy Essentials nehmen, schon ärgerlich, dass man da erst in der Registry den Schlüssel SignatureUpdateInterval ändern muss, um wenigstens stündlich nach Aktualisierungen zu sehen. Wie dem auch sei, alle Daten-Backups laufen skriptgesteuert im 4-Stunden-Takt, einmal auf eine externe verschlüsselte Festplatte und dann noch auf eine Webdisk, die freilich über OpenVPN angebunden ist. Die Daten auf der Web-Platte, ungeschütz? Ach was, alles in einem versteckten TryCrypt-Container, welcher wiederum in einem Decoy steckt, nicht blöd, oder? Benutzt wird der Rechner freilich nur mit eingeschränkten Accounts, aber das sind ja die Basics, oder? Tja, das Internet, man kann ja nicht mehr ohne, aber ich werde das schon zähmen, das können Sie mir glauben: Aktueller Firefox, wenn möglich nur HTTPS-Verbindungen, klar, HTTP-Everywhere wird stets als erste Extension installiert. Flash ist ja für Kinder und Anfänger, wird freilich mit Flashblock gleich im Ansatz verhindert. JavaScript ist des Teufels, mit der Firefox-Erweiterung NoScript sind Sie aber wieder auf sicherem Gelände. Die Windows Firewall ist schon ganz okay, muss man halt auch aufbohren. Am besten mit der Windows 7 Firewall Control, am Anfang einfach alles mal blocken, nur um sicher zugehen … gut, Sie müssen freilich ungefähr fünfmal Passwörter eingeben, bevor Sie den Rechner benutzen können, aber das sollte es einem schon wert sein, oder …?“

Gegen die Leere im Blick des Fachverkäufers war jedes Vakuum ein Rummelplatz am Samstagnachmittag.

Das Synoymwörterbuch in meinem Kopf übernahm nun offensichtlich wieder die Kommunikation:

„Sie verstehen, nur mit Geschick und Geschliffenheit erreicht man eine gewisse Behütetheit, Abschirmung und Obhut – und nur Letztere ist ein Unterpfand für die Verlässlichkeit im Leben und in der EDV.“

Dies war der Moment, in dem meine ebenfalls anwesende und wie immer gegenwärtige Freundin den Verkäufer zur Seite nahm, und leise anmerkte: „Mit Sicherheit dauert es wieder zwei Wochen, bis wir mit einer gewissen Routine und Zuverlässigkeit auf so bedrohliche Internet-Seiten wie die des SPIEGELs oder meiner Bank zugreifen können.“

„Safety first!“, mahnte ich die Anwesenden im Elektromarkt, nun deutlich lauter als zuvor. Offenbar hatte das Synonymwörterbuch auf Englisch umgeschaltet und die Lautstärke in der Systemsteuerung hochgestellt. Ich sollte umbeding einmal die Zugriffsrechte sämtlicher Programme in meinem Kopf nochmals überprüfen, sicher ist sicher.

Das Hochzeitszeitliche

by fremdtrinker

Zeit ist relativ, Hochzeit ist relativer. Zeitwahrnehmung in der Zeit vor Hochzeit, also in der Vorbereitungszeit, ist das Relativste überhaupt, was es zwischen Mann und Frau geben kann. Eher ist man sich über Geld, Sex und den Umgang mit Schwiegermüttern einig, als dass man sich auf einen Zeitplan für die Hochzeitsvorbereitung einigen könnte. So etwa auch bei Max und Mausi.

Mausi und Max wollen also heiraten. Genauer gesagt, Max fragte, und Mausi sagte (für einige Beobachter des Paares etwas überraschend)  ja. Damit war für Max diese Angelegenheit erst einmal wieder erledigt. Die geliebte Gattin in spe verwandelte sich aber ab diesem Tag schlagartig in die Spezies Frau, die Männer, besonders solche mit den Attributen verträumt, gemütlich und ein kleines bisschen faul, so fürchten: Planungs-Mausi übernahm die Szenerie.

Tag X minus ein Jahr. Es war ein kühler Septembermorgen, ein Sonntag. Max saß etwas übermüdet mit einer Tasse Kaffee vor seinem Computer, hatte einmal mehr die Angst vor der leeren Browser-Seite und träumte sich langsam in den Tag hinein. Da erschütterte ein Morgen Schatzi die Idylle. Ich habe mal eben schnell vor dem Zähneputzen die Aufgabenliste für die Hochzeitsvorbereitung zusammengestellt, mit „Deadlines“. Max musste sich kurz sammeln und sagte dann, nach einem kurzen Blick auf die Liste: Hm, wegen deiner Deadlines, so früh müssen wir doch gar nicht sterben, die Exekution ist doch erst in einem Jahr, oder so. Da ist doch noch eine Menge Zeit, jetzt gehen wir erst einmal wider ins Bett und dann werde ich dich …

Im Nachhinein konnte Max vor Zeugen nicht mehr genau benennen, mit Hilfe welcher zeitlichen Kompressionstechniken Mausi es schaffte, ihm innerhalb – so von Max grob geschätzt! – einer Sekunde ihre komplette Beziehung der letzen Jahre um die Ohren zu hauen, die verantwortungslose Haltung seiner Herkunftsfamilie bis ins fünfte Glied zu bemängeln, aufschlussreiche Vergleiche samt terminlicher Benchmarks der Hochzeitsvorbereitungen sämtlicher Freundinnen und Bekannter zu nennen sowie sämtliche Türen des gemeinsamen Hauses in einer solchen Weise zuzuschmeißen, auf dass der resultierende Knall fast kosmische Dimensionen erreichte.

Mit männlicher Diplomatie konnte Max die Situation nach einer gewissen Zeit entschärfen, er arbeitete von nun an seine Aufgaben für die Hochzeitsvorbereitung Schritt für Schritt, pünktlich und zuverlässig ab. Alles schien also in bester Ordnung, wir schreiben Tag X minus 8 Monate. Auf Mausis personalisierter Aufgabenliste stand die Auswahl eines geeigneten Hochzeitsfotografen an. Auf Empfehlung einer Freundin rief sie hierzu einen gewissen Fred Linse an, seines Zeichen Lichtbildner. Der genaue Verlauf des Gespräches kann nicht mehr rekonstruiert werden, in etwa dürfte sich aber Folgendes zugetragen haben.

Mausi: Ja, Tag. Sie wurden uns empfohlen aufgrund Ihrer Brennwinkel. Wir würden Sie gerne für unsere Hochzeit engagieren.
Linse, etwas verschlafen: Ja klar, …
Mausi: Ah, sehr schön. Könnten wir dann bis heute Abend das Angebot haben, ach ja, gleich noch eine Mustermappe, ja und …
Linse, noch verschlafen: Hm, und …
Mausi: Super. Nächste Woche dann ein Termin bei uns, man muss sich ja kennenlernen, so menschlich, sie wissen ja. Und dann noch einen gesonderten Termin für die Location, wäre dass in einem Monat okay?
Linse, halb wach: Hm, ja, ganz kurz nur, wann ist denn die Hochzeit, die von Ihnen …
Mausi: Schon in KNAPP 8 Monaten!!!
Linse, wach: In ACHT Monaten, Mensch, dass ist ja noch massig Zeit, da …

Dies war der Moment, als das Gespräch abbrach. Kollegen von Mausi sagten später bei Polizei und beim Katastrophenschutz aus, dass sie vorher tatsächlich nicht wussten, dass das Büro von Mausi eigentlich eine jederzeit abschussbereite interstellare Rakete war, welche offensichtlich durch männliche Ignoranz gezündet werden konnte. Normale Menschen explodieren zwar auch, dies allerdings in einer etwas übertragenen Art und Weise. Bei Mausi hingegen wurden alle Raketenstufen ganz konkret gezündet, sie hob mitsamt ihrem Büro ab und trat in eine erdnahe Umlaufbahn ein.

Max schaut nun jeden Abend gen Himmel und hofft auf die Rückkehr seiner Zukünftigen. Dies mit dem sicheren Wissen, dass die Landung – und damit die Laune von Mausi – wohl nicht sanft werden dürfte. Auch hat er Angst, dass die Zeit nun ja immer knapper werden würde. Wie sollten Sie denn diese ganzen Hochzeitsvorbereitungen nur schaffen, Mensch!? Auf alle Fälle musste er sich um einen neuen Fotografen kümmern, der Aufenthalt von Fred Linse wurde zuletzt mit irgendwo im Süden angegeben.

Der Strahlemann und die Versicherung

by fremdkotzer

Geht es Ihnen genauso wie mir? Finden Sie diesen aufgesetzten, schwammig inszenierten Zynismus der Beiträge dieses Blogs auch so zum Kotzen? Willkommen in meiner Welt! Ich denke, es ist an der Zeit, das pseudo-elegante Florett der Satire einzustecken und den groben und krummen Säbel der Fakten auszupacken. Nein, es ist keine Schande, sich einzugestehen, dass man wirklich nicht so viel fremdtrinken kann, wie man eigentlich fremdkotzen müsste. Aus diesem Grund werde nun ich ab und an auf diesem Blog das Ruder übernehmen. Angenehm, Fremdkotzer. In meinen Beiträgen werden Sie lange auf „witzige“ Erlebnisse von „super“ zusammengereimten literarischen Figuren warten müssen. Nach der Machtübernahme schreibt hier nun jemand so, wie es wirklich ist. Recht so! Ich, jetzt, hier – das ist die Perspektive. Ich hoffe, Sie vertragen das!

Genug gequasselt, zum Thema. Kotzt Sie denn das auch alles so an, das mit den blöden AKWs? Jeden Morgen zum Frühstück geht so ein Ding in die Luft. Restrisiko mein Arsch. Dass wir über Jahrzehnte hinweg bezüglich der Sicherheit von diesen Dingern belogen wurden, das ist ja wohl jedem klar. Was aber eventuell nicht allen auf den ersten Blick einleuchtet, ist die Tatsache, dass die Legende vom billigen Atomstrom eben auch nur eine dumme Legende ist. Dies weil die finanzielle Absicherung für den Katastrophenfall ganz elegant auf die Allgemeinheit umgelegt wurde. Oder meinten Sie etwa, irgendeine Assekuranz hätte so ein AKW für einen GAU abgesichert? Dachten Sie wohl, oder? Weil diese Dinger ja so unglaublich sicher sein müssten, das wäre doch ein absolut sicheres Geschäft für diese Versicherungen? Dachten Sie, richtig. Mein Gott, wie naiv! Gut, dann lesen Sie  erst einmal hier nach, vorher brauchen wir uns erst gar nicht weiter zu unterhalten. Bitte, seien Sie doch einmal vorbereitet, wenn Sie auf diesem Blog vorbeischauen. Müssen wir immer wieder bei Null anfangen? Nach Fukushima vielleicht schneller, als wir alle dachten. Das Zeitalter der Kakerlaken könnte bald beginnen, und mit diesen Tierchen meine ich nicht ausschließlich die Versicherungsgesellschaften.

Die Dissertation mit dem Paukenschlag

by fremdtrinker

Ein Abgrund aus böser Polemik und beißendem Spott tut sich seit Tage auf vor dem einst so geliebten und erfolgreichen CSU Politiker Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg. Selbst seine Frau solle sich angeblich mit Scheidungsabsichten tragen, da das Ja-Wort Guttenbergs vor dem Traualtar angeblich bereits von anderen Bräutigamen in ähnlicher Situation auf fast dieselbe Weise vorgetragen wurde. Da war er schon wieder, der bösartige Plagiatsvorwurf.

Was diese Neider jedoch allesamt nicht erkennen können oder wollen, ist die brillante und für die damalige Zeit völlig neue wissenschaftliche Denkweise, mit welcher der heutige Verteidigungsminister seine Dissertation anging. Für Guttenberg ist und war in letzter Kosequenz das Erlangen wissenschaftlicher Erkenntnis nur in Form von virtueller Teamarbeit möglich. Dies erkannt und in radikaler Weise zu Ende gedacht sowie in die Tat umgesetzt zu haben, das ist der eigentliche akademische Quantensprung, für welchen eine summa cum laude eine mehr als verdiente Benotung sein sollte. Denn keiner hat vor Guttenberg in einem solchen Ausmaße andere Wissenschaftler so elegant, ja fast schon unbemerkt in die eigene Arbeit eingebunden. Dies geschah, und hier liegt der Hund begraben mitsamt dessen Kern, nicht etwa nur durch die althergebrachten und überkommenen Methoden des direkten und indirekten wissenschaftlichen Zitats, nein, vielmehr hat Guttenberg eine völlig neue Zitiermethode gefunden: das implizite akademische Zitat. In anderen Bereichen, wie etwa der Musik, hatten Kulturwissenschaftler zwar bereits dieses Phänomen aufgespürt und es mit dem etwas griffigeren Terminus Sample bezeichnet, für die akademische Welt aber war das Sampeln, wie das implizite Zitieren auch genannt wird, in der Zeit vor Guttenberg völlig unbekannt.

Guttenberg demonstrierte mit seiner Dissertation also zum ersten Mal, welche Kraft und Dynamik akademische Teamarbeit unter Zuhilfenahme der Sample­-Technik entfalten kann. In der Musik hatte man sich ja schon lange an den Gedanken gewöhnt, dass jede Melodie, jeder Dreiklang in beliebiger Kombination niemals den Anspruch von Originalität haben könne, da alles, was denkbar und spielbar ist, letztendlich schon einmal gedacht, komponiert und gespielt wurde. Die Musiker gehen somit mit „fremdem“ Gedankengut, welches ja nichts anderes ist als das Gedankengut eines „Weltwissens“, auf eine völlig spielerische und selbstverständliche Art und Weise um. Nichts läge ihnen ferner, als jedes Melodiechen, welches sie vielleicht schon irgendwann einmal gehört und verinnerlicht hatten und es nun für ein eigenes Stück völlig selbstverständlich verwenden wollten, nichts läge ihnen also ferner, als diese kleine unschuldige Abfolge von Tönen explizit als Zitat auszuweisen. Sie sehen diese Melodien eher als „LEGO-Bausteine“ des unendlichen Weltwissens, welche sie ohne die Spur eines schlechten Gewissens benutzen, um damit ihren ganz eigenen Anteil zur Erweiterung des globalen Fundus an Melodien zu leisten. Sie setzen Neues komplett aus Altem zusammen, dies geschieht in einer virtuellen Teamarbeit.  Das geistige Eigentum in der Musik ist längst ein globales geworden, welches in der Summer der Gehirne der Musikschaffenden zu Hause und gegen spießige Plagiatsvorwürfe völlig immun ist.

Guttenberg kann also zurecht als erster akademischer Künstler bezeichnet werden, der spielerisch die vorhandenen Melodiefragmente seiner Wissenschaftsdisziplin aufnimmt, mit ihnen jongliert wie ein juristischer Jahrmarktsartist, und diese letztendlich zur Symphonie seiner Dissertation zusammensetzt. Das virtuelle akademische Künstlerteam von Guttenberg hat darüber hinaus so gut funktioniert, dass viele Mitglieder des Teams gar nicht wussten, überhaupt in der Mannschaft zu sein. Dies zeugt nicht nur von überragender künstlerischer Qualität des Teamleaders, sondern eben auch von perfekter Führungsarbeit. Andere für sich arbeiten zu lassen, ohne dass diese die Belastung überhaupt merken, dass ist ganz große Kunst.

Guttenbergs Frau lässt sich übrigens nicht scheiden, hat sie doch erkannt, dass letztendlich auch ihr Mann, wie alle anderen ja auch, nichts anderes als ein implizites Zitat seiner selbst ist. Sie ließ verlauten, nach dieser Erkenntnis mache sogar das Sampeln wieder Spaß.

Götterflüsterer und Weingeister

by fremdtrinker

*** EILMELDUNG! Einer der freien Mitarbeiter dieses Blogs hat mitgeteilt, dass er bis auf weiteres auf das Tragen seines Doktortitels verzichten wird. Als Grund gab er die mittlerweile erwiesenen Vorwürfe an, er habe sich unzitierter Quellen sowie weiterer unerlaubter Hilfsmittel bedient. ***

Dörsheim an der Dörr.
Dr. Hain Falt, promovierter Islamist und freier Autor des Blogs fremdtrinken hat gestern Abend in einer bewegenden Aussprache mit der Presse schwere Fehler beim Erstellen seiner Dissertation mit dem Titel „Gott, der Wein und das Weib im Spiegel noch ungeschriebener Suren“ zugegeben. Wörtlich gab er von sich:

Ich gestehe. Meine Dissertation ist ungültig, ich war gedopt. Unter der Einnahme schwerer Alkoholika stellte ich einen direkten Kontakt zu Gott her. Mindestens 60% meiner Arbeit bestehen hiermit aus den himmlischen Einflüsterungen, ohne dass ich diese als Zitate kenntlich gemacht hätte. Der Rest der Arbeit entstand während der langen Kneipenabende dieser Zeit am Tresen mit Prof. Heinz Dieter D. Ich bedauere zutiefst, die Öffentlichkeit über Jahre hinweg getäuscht zu haben.

Ich habe daher beschlossen, für den Zeitraum von zwei Wochen auf ein Gottesurteil zu warten. In dieser Zeit werde ich den Doktortitel nicht führen oder benutzen. Sollte mich bis dahin nicht der kalte Blitz, vulgo der Zorn Gottes, getroffen haben, und der Doktor samt Titel damit pulverisiert worden sein, so werde ich meinen akademischen Grad spenden, und zwar an an die gemeinnützige Organisation „Bildung für benachteiligte einarmige Harz 4 Empfänger mit armenischen Wurzeln“ .

Ob sich Dr. v.a.D. (Doktor vorübergehend außer Dienst) Falt zu seinem überraschenden Geständnis durch die momentan hitzige Diskussion um den deutlich prominenteren Fall Dr. ebenfalls v.a.D. Freiherr von und zu Guttenberg gedrängt sah, ließ der noch promovierte Islamist offen. Unbestätigten Quellen zufolge merkte er aber wohl gestern spät abends in seiner Stammkneipe an, dass er Guttenberg für unschuldig hielt. Als Grund nannte er, dass Juristen wohl nie göttlichen Beistand bei Abschlussarbeiten bekämen, hierzu bedürfe es ja einer gewissen akademischen Satifsfaktionsfähigkeit. Und alles andere sei doch wohl eher ein Kavaliersdelikt.



Weinstreichler

by fremdtrinker

Neulich saß Ernst einmal wieder über Milchkaffee und seinem Moleskine –Notizbuch (liniert und dennoch leer) und tagträumte im Takt der auf- und abschwellenden Dampfgesänge einer halbentkalkten Saeco-Gastronomie-Espressomaschine. Während er noch über seine Entscheidung grimmte, sich für das linierte und nicht doch das karierte Moleskine-Büchlein („Das legendäre Notizbuch der Intellektuellen und Künstler“) entschieden zu haben – das karierte hatte von Werk ab bereits den doppelten Inhalt des linierten, also viel mehr Striche fürs Geld -, musste er bemerken, wie seine Aufmerksamkeit immer mehr schwand, und er begann, sich für die mitfrühstückenden Bohemiens in seiner Nähe zu interessieren. Besonders die Gespräche vom Tisch schräg links gegenüber, Luftlinie wohl drei Meter, welche aber durch die schrillen, ja fast schon hysterischen Stimmen der beiden weiblichen Tischbewohnerinnen etwas reduziert wurde, ja besonders dieses Gespräch raubte Ernst den Rest seiner Aufmerksamkeit. Obwohl akustisch durch den enormen allgemeinen Lärmpegel, produziert durch die übrigen fröhlich schnatternden zeitvernichtenden Cafébesucher, akustisch herausgefordert, so erkannte er doch, dass es am Nebentisch offenbar um Probleme mit aktuellen oder ehemaligen Beziehungen zu gehen schien. Während er versuchte, Sinn aus den ihm zugetragenen Satzfetzen zu konstruieren, betrachtete er aus den Augenwinkeln die beiden so aufgeregt gestikulierenden Gesprächspartnerinnen: Beide blond, beide mit Barbour-Jacken (eine lilablassblau, die andere in einem ins Ocker übergehenden Rotton) lässig über die Lehnen der beiden freien Stühle ihres Tisches geworfen, womit auch der große Teil ihrer Einkaufstaschen, die auf den Sitzflächen dieser Stühle positioniert waren, verdeckt wurden. Ernst konnte nur die Werbeaufschrift zweier Taschen ausmachen, es stand einmal Hallhuber darauf, die andere wurde wohl im Mainzer Flagshipstore von Escada gefüllt.

Mit voller Börse und gefüllten Tüten ließen sich Kümmernisse mit Männern wohl leichter ertragen, dachte Ernst, als auf einmal der allgemeine Geräuschpegel rapide sank (dem Soziologenstammtisch drei Tische weiter waren wohl kurzfristig die wirklich witzigen Witze ausgegangen, oder es gab auf alle Fälle kein akustisches Feedback der Zuhörerschaft mehr), und unser schwermütiger Caféliterat konnte dadurch das Gespräch der beiden Frauen fast ungestört hören:

– … also mir war eigentlich schon früh klar, dass er keine Lust mehr auf mich hatte. Der ist ja wochenlang ohne Morgenlatte aufgewacht. Hat dann aber Monate gedauert, bis ich herausfand, dass da doch etwas war, mit der Babsi aus seinem Büro, dieser Schlampe …
– Diese Schlampe, ich kann es nur immer wieder sagen, diese Schlampe!
– Genau! Und das ist der Grund, warum ich seit zwei Monaten trinken tue. Na ja, immerhin versuche ich ja, mich nicht einzuigeln, aktiv wieder auf die Welt zuzugehen. Bin ja jetzt bei diesem Winetasting­-Seminar der Weinschule Eckstein, Motto „was für ein schöner Abend“. Na ja, ein Nachfolger für Peter, diesen Hurenbock ist noch nicht in Sicht, aber das Trinken mit Gleichgeschädigten hilft schon sehr …
– Ja ja, es ist schon wirklich schade, dass man Wein nicht streicheln kann, so sagt man doch …

In diesem Moment gab es zwei Schläge, Ernst schlug auf den Boden und traf dabei mit dem Bein seinen Tisch, worauf der – zum Glück bereits leere – Milchkaffeebecher die Balance verlor und auf Ernstens Kopf aufschlug. Was war passiert? Die Soziologen hatten ihren lautstarken Spaß an Erläuterungen zur gescheiterten Gesellschaft wiederentdeckt und damit das Café lautstärkenmäßig auf ein Neues in das Fußballstadion am Mainzer Bruchweg verwandelt. Dadurch musste Ernst die akustische Luftlinie zum Tisch der Damen verkürzen, welches er durch kurze Kippelbewegungen mit dem Stuhl sowie ein leicht schmerzhaftes Dehnen der Nackenmuskulatur zu erreichen suchte, um somit dem rechten Ohr die ideale Empfangsposition zu verschaffen. Als jedoch das Bild des Weinstreichlers sowohl im Gespräch der Damen als dann auch Millisekunden später in seiner bildhaften Vorstellung manifest wurde, just in diesem Moment waren wohl zu viele kognitiven Fähigkeiten beim Sprach- und Weltverstehen gebunden, als dass Ernst noch die körperliche Balance hätte halten können.

Nach seinem Sturz war er binnen Schaltsekunden wieder auf den Beinen, beseitigte routiniert die angerichteten Schäden, bezahlte die Rechnung, nicht ohne ein besonders üppiges Trinkgeld zu hinterlassen und stürmte aus seinem Stammcafé. Nicht jedoch, ohne den erstaunten beziehungsgeschädigten Vinophilen vom Nebentisch noch einen Satz fürs Leben, eine Weisheit aus der Gosse entgegenzuschleudern: Nein, meine Damen, streicheln Sie Wein so lange, wie sie möchten. Richtig schade ist aber nur, dass man Bier nicht ficken kann.

Das musste ja wohl mal gesagt werden! Und es ward Stille.

Wohnkloner

by fremdtrinker

In Zeiten völliger Erschöpfung sollte man die Hoffnung nicht verlieren. So heißt es in einem der stets so nett klingenden Lieder der Gruppe Virginia Jetzt. Die Antwort freilich, wie dies denn in einer immer lauter werdenden Welt zu bewerkstelligen sei, die bleiben die Sängerknaben schuldig. Ist ja auch keine einfache Frage, eher eine, die zu heiklen Antworten wie aktiv vorangetriebenem Burnout-Syndrom oder passiv induzierten Alkoholismus führen kann. Alles schon da gewesen.

Das Paradies, ganz in der Nähe.Karl-Hugo hatte für sich selbst eine bessere Lösung gefunden. Einen solch eleganten Ausweg, welchem fast schon die Auflösung des ewig göttlichen Dilemmas innewohnte, welches der Allmächtige dem Menschen auferlegt hatte: der eigentlich nicht mögliche Ausgleich zwischen dem Drang zum egoistischen Handeln auf der eine Seite – ein Drang, der, wenn diesem ungebremst nachgegeben würde, in der kompletten Vereinzelung des modernen Menschen enden würde, – sowie dem Verlangen des Menschen nach Gesellschaft, Geselligkeit und zwischenmenschlichem Austausch auf der anderen Seite.

Für Karl-Hugo war die Auflösung dieses Dilemmas ein simpler Akt des Konsums, wieder einmal. Dazu aber später mehr. Zuerst lassen wir uns in den eigenen Worten Karl-Hugos dessen Weltbild erläutern, denn ohne dieses Verständnis wäre der geniale Kunstgriff unserer Protagonisten gar nicht verständlich. Für Karl-Hugo ist die Welt ein Schneckenhaus. Seine Interaktionen mit der Welt, also die Kontakte mit anderen Menschen, unterscheiden sich extrem in Charakter, Ausprägung und Intensität, und dies abhängig von der jeweiligen Position in seinem Schneckenhaus. Ein Beispiel: Um erfolgreich im Beruf zu interagieren, muss sich Karl-Hugo sehr weit durch die Spirale des Hauses nach außen kämpfen, er sitzt dann in einer der äußeren Windungen. Eine solche Position, weit entfernt vom sicheren und ruhigen Zentrum des Schneckenhauses, in welchem das Individuum „bei sich“ ist, eine solche Position, wie gesagt, ist freilich dem Lärm der Welt, dem „Anderen“ extrem ausgesetzt. Die Theorie des Schneckenhauses besagt nun, dass ein zufriedener Mensch ein ausgeglichenes zeitliches Verhältnis im Hinblick auf seine unterschiedlichen Aufenthaltsphasen in den verschiedenen Sphären seines Schneckenhauses haben sollte. Ferner setzt die Theorie einen besondern Fokus auf den wichtigsten Teil des Schneckenhauses, auf das Zentrum. Nur wenn dieser Kern ausreichend geschützt vom oben erwähnten „Anderen“ ist, dann verfügt der Mensch über seine lebensnotwendige Rückzugsposition.

Bei Karl-Hugo stellten die eigenen vier Wände lange Zeit das intakte Zentrum des Schneckenhauses dar. Dann jedoch kam Elke und, zwei Jahre später, der erste Sohn, Hügo. Lärm und Hektik zogen in das Zentrum des Schneckenhauses ein, viel Lärm und noch mehr Hektik. Wie viele Zeitgenossen zuvor stand Karl-Hugo irgendwann vor dem geistigen und körperlichen Zusammenbruch. Die Wende kam, wie oben bereits erwähnt, durch einen Akt des Konsums. Karl-Hugo investierte, und zwar gewaltig. Er erschuf sich ein neues Zentrum seiner Welt, einen neuen Kern seines Schneckenhauses. Sein guter Freund Kalli brachte ihn eines Abends beim Bier auf die alles entscheidende Idee:

Mache es doch wie Ernst, der hat sich das neue iKlo 3000 besorgt. Dann noch einige Apps dazu, und dann hatte er wieder seine Ruhe. Mache es wie Ernst!

Und er machte es wie Ernst! Die Handwerker rückten bereits eine Woche später in die gemeinsame Wohnung von Karl-Hugo und seiner Familie an. Der Umbau des Gästeklos in ein modernes iKlo 3000 dauerte eine knappe Woche. Die Installation der wichtigen Apps dann nochmals ein paar Tage, dann war alles fertig: Das iKlo 3000 bestand zwar wie das alte Gästeklo auch nur aus zwei Quadratmetern, doch die hatten es in sich. Karl-Hugo hatte sich alles einbauen lassen, was der Markt momentan hergibt. Das Gästeklo kann sich auf Knopfdruck in eine komplette Dusche verwandeln lassen, hatte Solariumsfunktion serienmäßig, der Kühlschrank war von Werk aus randvoll mit Becks und Jever gefüllt, die Multi-touch-Klobrille hatte die neuste Pobackensteuerung Arschtouch mit allen Bugfixes, von schüchternen japanischen Frauen hatten sich die Hersteller in Pissability-Studien bei Auswahl der akustischen Untermalung beraten lassen – Karl-Hugo hatte sich für den Sound Walgesang am Ende der Welt mit Brandung entschieden … sprich, es war alles perfekt. Karl-Hugo ruhte in sich, sobald die automatische Türverriegelung seines iKlos von innen aktiviert wurde. Gästeklo goes Kloster, scherzte er manchmal ungefragt mit Kollegen.

Auch früher schon hatte Karl-Hugo oft beim Bier fallenlassen, so richtig glücklich sei er ja eh nur auf dem Gästeklo. Schon damals wusste er instinktiv, wo denn eigentlich das Zentrum seines Schneckenhauses lag. Nun weiß er dies ganz sicher und hat die richtigen Konsequenzen gezogen. Sein Mittelpunkt der Welt, jetzt moderner und schöner als je zuvor. iKlo 3000, 100% schallisoliert.

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