Von Endspieltrinkern, Beraterbeendern und Personalentscheidern

by fremdtrinker

Der schmale Grat, auf dem wir wandeln.Die Schmalheit des Grates, auf dem sich der globalisierte Arbeitnehmer neuerdings bewegt, wird erst so richtig beim bewussten Blick in die Abgründe dieser Krete sichtbar. Aus Gründen des seelischen Selbstschutzes vernebelt der heutige Mensch mit geeigneter Medikation beziehungsweise ungeeigneter Hilfsmittel aber eben diesen Blick und damit auch die eigenen Sinne – Stichwort Endspieltrinker.

Die schützende Unschärfe des Visuellen wird aber manchmal durch überraschenden akustischen Input in Sekundenbruchteilen auf maximale Detailschärfe der Sehkraft geschaltet. Eine solche klangliche Eingabe kann etwa ein Satz wie der folgende sein: Sie bewegen sich alle auf einem sehr schmalen Grat. Geäußert von Personalentscheider Dr. Ohnegrund zu vier Arbeitskollegen des Autors. Dies geschah in der betriebseigenen Kantine der deutschen Niederlassung des komplett global aufgestellten Technologiekonzerns Oiweiah.

Solche Sätze von der Durchschlagskraft eines „Hasta la Vista, Baby“-Ausspruches kommen freilich nicht als Überraschungsbreitseite zum Zwecke einer verspäteten Sättigungsbeilage nach dem Kantinen-Menü Nummer 1 (Phantasie Lachs auf Reisraute). Nein, natürlich gibt es eine Vorgeschichte. Diese ist so langweilig wie schnell erzählt: Der mittelmäßige Technologiekonzern Oiweiah kauft den technologisch überlegenen, finanziell aber prekären, ebenfalls globalisierten Konkurrenz-Technologiekonzern Notechmoreno. Trotz exzellenter Beratung durch die Beraterfirma Brainexit and Company musste Oiweiah nach dem Kauf überraschend feststellen, dass man nicht nur Produkte und Kundenbeziehungen erworben hatte, sondern dass auch neue Kollegen mit eingekauft wurden. Der Ausspruch „Wir wollten IP-Telefonie und bekamen Programmierer“ machte die Runde in den Vorstandsetagen von Oiweiah. Zu allem Überdruss hatten diese neuen Kollegen nun zum Teil sehr gute, da sehr alte Verträge, welche nach dem Schlucken von Notechmoreno auch in der neuen Welt von Oiweiah Bestand hatten. Mist. Der globale Direktor zuständig für Personal bei Oiweiah, ein US-Amerikaner namens Jack T Man, ist wohl Urheber der globalisierten Beschimpfungsphrase Fucking German Arbeitsrächt. Dr. Ohnegrund als ausführende Gewalt von Jack T Man auf deutschem Boden versucht nun alles, um sich am Recht eben dieses Landes zu rächen. Was die Gesetze nicht hergeben, dies wird versucht, durch psychologisch gut geschulte Kommunikation wettzumachen. Und hier mündet nun also die absolut langweilige Vorgeschichte im Hier und Jetzt.

Dr. Ohnegrund begrüßt die ihm vorher noch völlig unbekannten „neuen“ Kollegen mit den Worten Na, Sie sind ja die Integrationsverweigerer von Notechmoreno. Sie bewegen sich alle auf einem sehr schmalen Grat. Pokern Sie nicht zu lange, Sie könnten herunterfallen. Einen schönen Tag noch.

Das erste assoziative Bild war freilich Boris Becker mit seiner Pokerrunde auf einer Krete mitten in den schweizerischen Bergen. Ein schönes Bild. Wer nicht gut genug blufft, stürzt in den Abgrund, noch bevor er sein Blatt auf den Tisch legen muss. Der nächste assoziative Hopser ging dann freilich zum Terminus Abgrund in einer übertragenen Lesart: der Abgrund des Krieges. Eine Punktlandung ohne Strich und Komma. Der Schmale Grat, im Original The Thin Red Line. Manchmal vergisst man ja beim Mittagessen zwischen Hauptgang und Betriebsschnaps, dass man sich in einem Krieg befindet, in welchem sämtliche roten Linien schon überschritten wurden. Man ist Kombattant in einem globalisierten Wirtschaftskrieg, einem 1000-Billarden-Renminbi-Stahlgewitter.  Der schmale Grat wird übrigens auch als DVD im Paket mit anderen Kriegsfilmen angeboten. Einer davon heißt Behind Enemy Lines. Dr. Ohnegrund hat recht, die Grate werden immer schmäler.

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Notechmoreno