Weinstreichler

by fremdtrinker

Neulich saß Ernst einmal wieder über Milchkaffee und seinem Moleskine –Notizbuch (liniert und dennoch leer) und tagträumte im Takt der auf- und abschwellenden Dampfgesänge einer halbentkalkten Saeco-Gastronomie-Espressomaschine. Während er noch über seine Entscheidung grimmte, sich für das linierte und nicht doch das karierte Moleskine-Büchlein („Das legendäre Notizbuch der Intellektuellen und Künstler“) entschieden zu haben – das karierte hatte von Werk ab bereits den doppelten Inhalt des linierten, also viel mehr Striche fürs Geld -, musste er bemerken, wie seine Aufmerksamkeit immer mehr schwand, und er begann, sich für die mitfrühstückenden Bohemiens in seiner Nähe zu interessieren. Besonders die Gespräche vom Tisch schräg links gegenüber, Luftlinie wohl drei Meter, welche aber durch die schrillen, ja fast schon hysterischen Stimmen der beiden weiblichen Tischbewohnerinnen etwas reduziert wurde, ja besonders dieses Gespräch raubte Ernst den Rest seiner Aufmerksamkeit. Obwohl akustisch durch den enormen allgemeinen Lärmpegel, produziert durch die übrigen fröhlich schnatternden zeitvernichtenden Cafébesucher, akustisch herausgefordert, so erkannte er doch, dass es am Nebentisch offenbar um Probleme mit aktuellen oder ehemaligen Beziehungen zu gehen schien. Während er versuchte, Sinn aus den ihm zugetragenen Satzfetzen zu konstruieren, betrachtete er aus den Augenwinkeln die beiden so aufgeregt gestikulierenden Gesprächspartnerinnen: Beide blond, beide mit Barbour-Jacken (eine lilablassblau, die andere in einem ins Ocker übergehenden Rotton) lässig über die Lehnen der beiden freien Stühle ihres Tisches geworfen, womit auch der große Teil ihrer Einkaufstaschen, die auf den Sitzflächen dieser Stühle positioniert waren, verdeckt wurden. Ernst konnte nur die Werbeaufschrift zweier Taschen ausmachen, es stand einmal Hallhuber darauf, die andere wurde wohl im Mainzer Flagshipstore von Escada gefüllt.

Mit voller Börse und gefüllten Tüten ließen sich Kümmernisse mit Männern wohl leichter ertragen, dachte Ernst, als auf einmal der allgemeine Geräuschpegel rapide sank (dem Soziologenstammtisch drei Tische weiter waren wohl kurzfristig die wirklich witzigen Witze ausgegangen, oder es gab auf alle Fälle kein akustisches Feedback der Zuhörerschaft mehr), und unser schwermütiger Caféliterat konnte dadurch das Gespräch der beiden Frauen fast ungestört hören:

– … also mir war eigentlich schon früh klar, dass er keine Lust mehr auf mich hatte. Der ist ja wochenlang ohne Morgenlatte aufgewacht. Hat dann aber Monate gedauert, bis ich herausfand, dass da doch etwas war, mit der Babsi aus seinem Büro, dieser Schlampe …
– Diese Schlampe, ich kann es nur immer wieder sagen, diese Schlampe!
– Genau! Und das ist der Grund, warum ich seit zwei Monaten trinken tue. Na ja, immerhin versuche ich ja, mich nicht einzuigeln, aktiv wieder auf die Welt zuzugehen. Bin ja jetzt bei diesem Winetasting­-Seminar der Weinschule Eckstein, Motto „was für ein schöner Abend“. Na ja, ein Nachfolger für Peter, diesen Hurenbock ist noch nicht in Sicht, aber das Trinken mit Gleichgeschädigten hilft schon sehr …
– Ja ja, es ist schon wirklich schade, dass man Wein nicht streicheln kann, so sagt man doch …

In diesem Moment gab es zwei Schläge, Ernst schlug auf den Boden und traf dabei mit dem Bein seinen Tisch, worauf der – zum Glück bereits leere – Milchkaffeebecher die Balance verlor und auf Ernstens Kopf aufschlug. Was war passiert? Die Soziologen hatten ihren lautstarken Spaß an Erläuterungen zur gescheiterten Gesellschaft wiederentdeckt und damit das Café lautstärkenmäßig auf ein Neues in das Fußballstadion am Mainzer Bruchweg verwandelt. Dadurch musste Ernst die akustische Luftlinie zum Tisch der Damen verkürzen, welches er durch kurze Kippelbewegungen mit dem Stuhl sowie ein leicht schmerzhaftes Dehnen der Nackenmuskulatur zu erreichen suchte, um somit dem rechten Ohr die ideale Empfangsposition zu verschaffen. Als jedoch das Bild des Weinstreichlers sowohl im Gespräch der Damen als dann auch Millisekunden später in seiner bildhaften Vorstellung manifest wurde, just in diesem Moment waren wohl zu viele kognitiven Fähigkeiten beim Sprach- und Weltverstehen gebunden, als dass Ernst noch die körperliche Balance hätte halten können.

Nach seinem Sturz war er binnen Schaltsekunden wieder auf den Beinen, beseitigte routiniert die angerichteten Schäden, bezahlte die Rechnung, nicht ohne ein besonders üppiges Trinkgeld zu hinterlassen und stürmte aus seinem Stammcafé. Nicht jedoch, ohne den erstaunten beziehungsgeschädigten Vinophilen vom Nebentisch noch einen Satz fürs Leben, eine Weisheit aus der Gosse entgegenzuschleudern: Nein, meine Damen, streicheln Sie Wein so lange, wie sie möchten. Richtig schade ist aber nur, dass man Bier nicht ficken kann.

Das musste ja wohl mal gesagt werden! Und es ward Stille.