Des Prinzens neue Geräusche

by fremdtrinker

Donnerhall und PulverdampfNeulich wurde es einmal wieder Frühling im Krieg. Dennoch fragte sich Karl-Hugo, unser bekannter, stets schlecht gelaunter Wohnkloner und Misanthrop, wie viele Schlachten des Lebens man wohl noch verlieren könne, bevor der Krieg endgültig vorbei war. Er, dieser leicht dickliche, übersensible und etwas weinerliche Möchtegernlebemann war in den Gefechten des Alltages stets mit scheinbar überlegenen Gegnern konfrontiert: Menschen, denen Gefühle wie Zurückhaltung und Bescheidenheit, eben eine gewisse Dezenz, völlig fremd waren. Nirgendwo wurde dies deutlicher als auf öffentlichen Bürotoiletten. Während es für Karl-Hugo nahezu unmöglich war, seine großen Geschäfte in einer dieser Toilettenkabinen zu verrichten, hatten die Alpha-Männchen, die er seine Kollegen nannte, damit offenbar keine Probleme. Aufgereiht wie Legehennen saß und schoss die Batterie der Klokabinen aus vollen Rohren, mit Kawumms und Pulverdampf. Unser Held musste stets unverrichteter Dinge von dannen ziehen und konnte – voll von Emotionen und Ballaststoffen – sich erst spät abends auf dem heimatlichen Wohnklo entleeren. Er wusste, so konnte es nicht weitergehen. Es ging hier nicht nur ums Koten, sondern um seine allgemeine Einstellung zum Leben. Wieso nahmen sich andere ohne Bedenken Rechte und Freiheiten, während er hartleibig und mit Bauchschmerzen durch seinen Alltag schlich?

Karl-Hugos Psychologin gab ihm, wie schon so oft zuvor, die entscheidende Analyse seines Verhaltens samt konkreter Handlungsanweisung: Das könnte eine Rhypophobie im Anfangsstadium sein gepaart mit den uns ja schon so bekannten Minderwertigkeitskomplexen. Ich empfehle Ihnen dringend die Anschaffung einer sogenannten Geräuschfee. Das ist ein kleines Gerät, welches angenehme Naturgeräusche, wie etwa den Klang eines Wasserfalls oder Wellengang, produziert, und somit sowohl Ihre eigenen Toilettengeräusche als auch die der Kollegen filtert.

Karl-Hugo war begeistert. Das neuste Modell der Geräuschfee wurde angeschafft. Auf Anraten seines Freundes Franz modifizierte er allerdings die Auswahl an Geräuschen. Franz meinte nämlich, er müsse endlich offensiver dem Leben gegenüber sein. Dies sollte nun mithilfe der Fee auf dem Büroklo beginnen. Viel zulange schon hatte er Mäuschen gespielt, nun wollte er allen den Tiger zeigen.

Montag, zwei Uhr nachmittags. Alle Kabinen bis auf eine waren voll besetzt. Die Kollegen schieden wohl gerade das heutige Kantinenessen aus, Schweinswürste mit Sauerkraut. Eine Atmosphäre wie im dritten Kreis der Hölle. Karl-Hugo betrat selbstbewusst seine Kabine und brachte sich auf seinem Thron in Position. Die Fee hing er mit der zugehörigen Schlaufe an die Türklinke. Dann wählte er das Programm Geräuschfee Ludwig Van 2.1. Es brauste ein Ruf wie Donnerhall durch die heiligen Hallen der Legebatterien:

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium!
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, Dein Heiligtum.

Freude sprudelt in Pokalen;
in der Traube goldnem Blut
trinken Sanftmut Kannibalen,
die Verzweiflung Heldenmut.

Brüder, fliegt von euren Sitzen,
wenn der volle Römer kreist;
lasst den Schaum zum Himmel spritzen:
dieses Glas dem guten Geist!

Es ging voran. Karl-Hugo gab den Ton an. Endlich wieder richtig scheißen können.

 

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