fremdtrinken

Wenn fremdschämen nicht mehr reicht …

Tag: Ernst & Young

Reinschauen oder der Blick von oben

by fremdtrinker

Gott blickt auf die Welt, und sie ist nicht schön. Es gäbe so viele Dinge zu optimieren. So viele Stellschrauben, an denen der Herrscher über alle Dinge drehen könnte. Auch treiben sich offenbar einige auf dieser Welt Gottes herum, die offenbar gar nichts tun, außer, den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Kurzum, Gottes Betrieb läuft nicht perfekt. Gott-sein kann so etwas von nerven an solchen Tagen! Wenn Gott nicht nur so gütig wäre …

In diese Stimmung  platzte nun ein himmlischer Anruf über den neuen SkyTel-Anschluss.

Für einen kurzen Moment wünschte Gott die neue himmlische Kommunikationssuite 2.0 zur teuflischen Konkurrenz, setzte sich dann aber doch das Headset auf.
– Gott hier, hallo.
– Ja, Gott zum Gruße. Hier Eder von der Unternehmensberatung BrainExit and Company. Wir hätten da ein Angebot für Sie, es nennt sich „Der Blick von oben“.
– Das soll wohl ein Witz sein, ich bin der Chef von dem Laden hier, aller Anfang und auch gleich das Ende. Wo ich bin, da ist oben …
– Natürlich! Entschuldigen Sie, wenn ich dennoch unterbreche. Diese Reaktion haben wir öfters. Lassen Sie mich nur kurz fragen, haben Sie als Chef denn jemals einen aktuellen Utilisation- Report über Ihre Mitarbeiter, äh, Ihre Schöpfung erstellen lassen? Sprich, welche Geschöpfe unter Gottes Himmel entfalten denn nicht so ganz Ihr Potential …
– Hm, na ja. Nicht so global, nicht so Alpha-Omega-mäßig, wenn Sie meinen was ich weiß, äh, wissen was ich meine.
– Ihr Business Benefit bei der ganzen Geschichte wäre ein Überblick, welche Ihrer Geschöpfe im Hinblick auf die langfristige Berechnung des Business Success unter Einbeziehung des Totalerfolges aus wirtschaftlicher Sicht überhaupt noch zu halten sind. Samt Abwicklung der anderen.
– Hä?
– Kurz gesagt: Wer sind die Evolutionsverlierer, sie wissen schon, so wie damals die Dinosaurier …
– … ja ja, die hat ja der Kollege Teufel geholt!
– Richtig. Wir von BrainExit and Company würden Sie gerne bei dieser neuen Runde im Evolutionspoker unterstützen. Sie wissen schon, Survival of the Fittest und so. Es darf wieder ausselektiert werden.
– Aber dann gibt es bestimmt wieder Ärger, moralischen. Wenn ich nur daran denke, was mit der Dreifaltigkeit los war, damals, als ich als Weltengeneralunternehmer mal einfach so die Dinosaurier habe untergehen lassen. Der heilige Geist ist im Dreieck gesprungen. Dreifaltig.
– Klare Antwort von mir: Das wäre Ihnen damals mit BrainExit and Company nicht passiert. Dies aus folgendem Grund: Sobald Sie uns beauftragen, treten Sie ja aus der Verantwortung. Wir haben dann den allsehenden Blick von oben – Sie entschuldigen diese Allegorie. Welche Änderungen im Weltenlauf wir dann auch immer als notwendig sehen und durchführen, Sie als Gott sind fein heraus. Stellen Sie sich vor, die Evolutionsverlierer werden vom Erdball getilgt, ein großes Wehklagen setzt ein und alle fragen: Gott, warum hast du nichts getan? Und Sie können dann einfach nur bei einem guten Manna erwidern: Meine Kinder, ich bin bei Euch als sorgsamer Vater und Generalunternehmer. Aber gegen den unabhängigen Blick von oben und gegen die auf exakten Zahlen basierenden Entscheidungen von BrainExit and Company bin auch ich machtlos. Der Golem ist nun einfach in die Welt gekommen!
– Mein Gott – falls ich hier mal autoreferentiell sein darf -, das ist so durchdacht, so perfekt und perfide hergeleitet, da muss doch der Teufel die Finger im Spiel haben …

Und Gott hatte begriffen. Herr Eder zerfiel zu Staub.

Beraterbeenden 2.0

by fremdtrinker

Nun ist es also doch wieder passiert. Das limbische System tanzt Salsa nach einem Metronom am Anschlag, doch das Über-Ich verteilt strafende Peitschenhiebe. Nein, den Tod eines Menschen, noch dazu einen gewaltsamen Tod, den kann und darf man nicht gut finden. Selbst wenn es sich beim toten Menschen um einen „Berater für strategische Unternehmensführung“, neudeutsch einen „Principal Stategic Management Consultant“, handeln sollte.

Trotz dieser moralischen Anfechtungen stellte sich zumindest das Gefühl einer entspannten Zufriedenheit gepaart mit einer latenten „Recht so!“-Aufwallung im Kopfe und im Bauche ein. Dies alles ist geschehen beim gestrigen Blut-und-Tränen-Klassiker Tatort im Ersten Deutschen Fernsehen (Unter Druck).

Die Minuten danach: Erschrockene, biergetränkte Introspektion frei nach Novalis, auf dass der geheimnisvolle Weg nach innen gehen solle, brachte eine erschreckende Einsicht zutage – nein, halt, noch keine Einsicht, eher eine Sequenz aus beunruhigenden Fragen: Wann fliegen im wirklichen Leben die ersten Berater, Personalentscheider und Manager aus den Fenstern? War die Drohung der französischen Belegschaft einer Notechmoreno­-Fabrik, ebendiese nach Bekanntwerden der verschleppten Insolvenz des Notechmoreno-Konzerns mit Propangasflaschen in die Luft zu sprengen, ja war diese Drohung eine einmalige Angelegenheit oder nur ein Vorspiel zu dem, was uns im kommenden Aufstand erwarten wird? Und wer gewinnt noch mal, wenn fast alle verlieren?

Vereinfacht könnte man auch fragen: Wann ist genug eigentlich genug? Wenn es nur nach den real existierenden und noch lebenden Kollegen des ermordeten Management Consultants aus dem Tatort ginge, dann wäre genug erst die erste Stufe von mehr (dann gefolgt von noch mehr). Mehr Folgeaufträgen für die Beratungsfirmen, mehr „Pro-Kopf-Auslastung“ der Angestellten der globalen Unternehmen und einfach nur mehr von allem für immer weniger.

Nun gilt die Binsenweisheit, dass Menschen zu allem fähig sind, wenn sie nur stark genug unter Druck gesetzt oder in die Enge getrieben werden. Und dies freilich nicht nur in der konstruierten Wirklichkeit von organisierter Sonntagabendunterhaltung. Noch bleiben im wirklichen Leben die Propangasflaschen im Keller bei der Camping-Ausrüstung. Noch fallen die Berater lediglich unangenehm auf aber nicht aus diversen Fenstern. Aber schon wieder stimmt das limbische System südamerikanische Rhythmen an beim Gedanken, was denn den smarten Spezialisten zur Firmenabwicklung alles hätte passieren können, damals, als unter Aufgabe sämtlicher Anstandsregeln und sozialer Kriterien „schwarze Listen“ von überflüssigen Mitarbeitern erstellt wurden und diese intern als „Wasserköpfe“ bezeichnet wurden … Hey, Über-Ich, das darf doch wohl mal gesagt werden, oder!

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