Wohnkloner

by fremdtrinker

In Zeiten völliger Erschöpfung sollte man die Hoffnung nicht verlieren. So heißt es in einem der stets so nett klingenden Lieder der Gruppe Virginia Jetzt. Die Antwort freilich, wie dies denn in einer immer lauter werdenden Welt zu bewerkstelligen sei, die bleiben die Sängerknaben schuldig. Ist ja auch keine einfache Frage, eher eine, die zu heiklen Antworten wie aktiv vorangetriebenem Burnout-Syndrom oder passiv induzierten Alkoholismus führen kann. Alles schon da gewesen.

Das Paradies, ganz in der Nähe.Karl-Hugo hatte für sich selbst eine bessere Lösung gefunden. Einen solch eleganten Ausweg, welchem fast schon die Auflösung des ewig göttlichen Dilemmas innewohnte, welches der Allmächtige dem Menschen auferlegt hatte: der eigentlich nicht mögliche Ausgleich zwischen dem Drang zum egoistischen Handeln auf der eine Seite – ein Drang, der, wenn diesem ungebremst nachgegeben würde, in der kompletten Vereinzelung des modernen Menschen enden würde, – sowie dem Verlangen des Menschen nach Gesellschaft, Geselligkeit und zwischenmenschlichem Austausch auf der anderen Seite.

Für Karl-Hugo war die Auflösung dieses Dilemmas ein simpler Akt des Konsums, wieder einmal. Dazu aber später mehr. Zuerst lassen wir uns in den eigenen Worten Karl-Hugos dessen Weltbild erläutern, denn ohne dieses Verständnis wäre der geniale Kunstgriff unserer Protagonisten gar nicht verständlich. Für Karl-Hugo ist die Welt ein Schneckenhaus. Seine Interaktionen mit der Welt, also die Kontakte mit anderen Menschen, unterscheiden sich extrem in Charakter, Ausprägung und Intensität, und dies abhängig von der jeweiligen Position in seinem Schneckenhaus. Ein Beispiel: Um erfolgreich im Beruf zu interagieren, muss sich Karl-Hugo sehr weit durch die Spirale des Hauses nach außen kämpfen, er sitzt dann in einer der äußeren Windungen. Eine solche Position, weit entfernt vom sicheren und ruhigen Zentrum des Schneckenhauses, in welchem das Individuum „bei sich“ ist, eine solche Position, wie gesagt, ist freilich dem Lärm der Welt, dem „Anderen“ extrem ausgesetzt. Die Theorie des Schneckenhauses besagt nun, dass ein zufriedener Mensch ein ausgeglichenes zeitliches Verhältnis im Hinblick auf seine unterschiedlichen Aufenthaltsphasen in den verschiedenen Sphären seines Schneckenhauses haben sollte. Ferner setzt die Theorie einen besondern Fokus auf den wichtigsten Teil des Schneckenhauses, auf das Zentrum. Nur wenn dieser Kern ausreichend geschützt vom oben erwähnten „Anderen“ ist, dann verfügt der Mensch über seine lebensnotwendige Rückzugsposition.

Bei Karl-Hugo stellten die eigenen vier Wände lange Zeit das intakte Zentrum des Schneckenhauses dar. Dann jedoch kam Elke und, zwei Jahre später, der erste Sohn, Hügo. Lärm und Hektik zogen in das Zentrum des Schneckenhauses ein, viel Lärm und noch mehr Hektik. Wie viele Zeitgenossen zuvor stand Karl-Hugo irgendwann vor dem geistigen und körperlichen Zusammenbruch. Die Wende kam, wie oben bereits erwähnt, durch einen Akt des Konsums. Karl-Hugo investierte, und zwar gewaltig. Er erschuf sich ein neues Zentrum seiner Welt, einen neuen Kern seines Schneckenhauses. Sein guter Freund Kalli brachte ihn eines Abends beim Bier auf die alles entscheidende Idee:

Mache es doch wie Ernst, der hat sich das neue iKlo 3000 besorgt. Dann noch einige Apps dazu, und dann hatte er wieder seine Ruhe. Mache es wie Ernst!

Und er machte es wie Ernst! Die Handwerker rückten bereits eine Woche später in die gemeinsame Wohnung von Karl-Hugo und seiner Familie an. Der Umbau des Gästeklos in ein modernes iKlo 3000 dauerte eine knappe Woche. Die Installation der wichtigen Apps dann nochmals ein paar Tage, dann war alles fertig: Das iKlo 3000 bestand zwar wie das alte Gästeklo auch nur aus zwei Quadratmetern, doch die hatten es in sich. Karl-Hugo hatte sich alles einbauen lassen, was der Markt momentan hergibt. Das Gästeklo kann sich auf Knopfdruck in eine komplette Dusche verwandeln lassen, hatte Solariumsfunktion serienmäßig, der Kühlschrank war von Werk aus randvoll mit Becks und Jever gefüllt, die Multi-touch-Klobrille hatte die neuste Pobackensteuerung Arschtouch mit allen Bugfixes, von schüchternen japanischen Frauen hatten sich die Hersteller in Pissability-Studien bei Auswahl der akustischen Untermalung beraten lassen – Karl-Hugo hatte sich für den Sound Walgesang am Ende der Welt mit Brandung entschieden … sprich, es war alles perfekt. Karl-Hugo ruhte in sich, sobald die automatische Türverriegelung seines iKlos von innen aktiviert wurde. Gästeklo goes Kloster, scherzte er manchmal ungefragt mit Kollegen.

Auch früher schon hatte Karl-Hugo oft beim Bier fallenlassen, so richtig glücklich sei er ja eh nur auf dem Gästeklo. Schon damals wusste er instinktiv, wo denn eigentlich das Zentrum seines Schneckenhauses lag. Nun weiß er dies ganz sicher und hat die richtigen Konsequenzen gezogen. Sein Mittelpunkt der Welt, jetzt moderner und schöner als je zuvor. iKlo 3000, 100% schallisoliert.

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