Meines Rechners Unterpfand

by fremdtrinker

„Bezüglich der Sekurität Ihres neuen Rechners sind Sie bereits gut aufgestellt, oder?“, fragte mich der freundliche EDV-Fachverkäufer eines wohlbekannten Elektronikmarktes in Mombach, als er mir das Paket mit dem von mir soeben erworbenen Computer auf den Einkaufswagen wuchtete. Das interne Synonymwörterbuch in meinem Kopf, welches stets beim Hören zuvor lang nicht vernommener Wörter ansprang, lieferte für den Begriff Sekurität in Bruchteilen von Sekunden die passende Übertragung ins Alltagsdeutsche: Sicherheit. Während ich noch verwundert und auch etwas bewundernd über die Wortgewandheit des Verkäufers innehielt, lieferte mein Wörterbuch bereits ungefragt sämtliche Bedeutungsnuancen von Sicherheit  in Form einer Liste weitere Synomyme: Geborgenheit, Glaubwürdigkeit, Selbstvertrauen, Weltläufigkeit, Garantie, Obhut und so weiter, und so weiter. Aha.

„Nun ja“, begann ich, „ich werde wohl die Systempartition mit TrueCrypt verschlüsseln, wahrscheinlich mit dem AES-Twofish-Serpent-Algorithmus. Als Virenschutz dürfte ich den aufgebohrten Microsoft Securtiy Essentials nehmen, schon ärgerlich, dass man da erst in der Registry den Schlüssel SignatureUpdateInterval ändern muss, um wenigstens stündlich nach Aktualisierungen zu sehen. Wie dem auch sei, alle Daten-Backups laufen skriptgesteuert im 4-Stunden-Takt, einmal auf eine externe verschlüsselte Festplatte und dann noch auf eine Webdisk, die freilich über OpenVPN angebunden ist. Die Daten auf der Web-Platte, ungeschütz? Ach was, alles in einem versteckten TryCrypt-Container, welcher wiederum in einem Decoy steckt, nicht blöd, oder? Benutzt wird der Rechner freilich nur mit eingeschränkten Accounts, aber das sind ja die Basics, oder? Tja, das Internet, man kann ja nicht mehr ohne, aber ich werde das schon zähmen, das können Sie mir glauben: Aktueller Firefox, wenn möglich nur HTTPS-Verbindungen, klar, HTTP-Everywhere wird stets als erste Extension installiert. Flash ist ja für Kinder und Anfänger, wird freilich mit Flashblock gleich im Ansatz verhindert. JavaScript ist des Teufels, mit der Firefox-Erweiterung NoScript sind Sie aber wieder auf sicherem Gelände. Die Windows Firewall ist schon ganz okay, muss man halt auch aufbohren. Am besten mit der Windows 7 Firewall Control, am Anfang einfach alles mal blocken, nur um sicher zugehen … gut, Sie müssen freilich ungefähr fünfmal Passwörter eingeben, bevor Sie den Rechner benutzen können, aber das sollte es einem schon wert sein, oder …?“

Gegen die Leere im Blick des Fachverkäufers war jedes Vakuum ein Rummelplatz am Samstagnachmittag.

Das Synoymwörterbuch in meinem Kopf übernahm nun offensichtlich wieder die Kommunikation:

„Sie verstehen, nur mit Geschick und Geschliffenheit erreicht man eine gewisse Behütetheit, Abschirmung und Obhut – und nur Letztere ist ein Unterpfand für die Verlässlichkeit im Leben und in der EDV.“

Dies war der Moment, in dem meine ebenfalls anwesende und wie immer gegenwärtige Freundin den Verkäufer zur Seite nahm, und leise anmerkte: „Mit Sicherheit dauert es wieder zwei Wochen, bis wir mit einer gewissen Routine und Zuverlässigkeit auf so bedrohliche Internet-Seiten wie die des SPIEGELs oder meiner Bank zugreifen können.“

„Safety first!“, mahnte ich die Anwesenden im Elektromarkt, nun deutlich lauter als zuvor. Offenbar hatte das Synonymwörterbuch auf Englisch umgeschaltet und die Lautstärke in der Systemsteuerung hochgestellt. Ich sollte umbeding einmal die Zugriffsrechte sämtlicher Programme in meinem Kopf nochmals überprüfen, sicher ist sicher.