Befindlichkeitsbäuerchen

by fremdtrinker

„Natürlich ist das psychosomatisch. Willst Du das Gutachten vom Arzt sehen, oder was? Da steht ganz klar drin: Patient eruktiert hochfrequent aufgrund psychischer Überlastung bei der Aufnahme rechten Gedankenguts. Ich kann da nichts dafür, das ist die Gesellschaft, die muss sich ändern, dann muss ich auch nicht mehr bölken. “

NS RülpserFranz war außer sich, das machte schon die leicht übertriebene Lautstärke seiner letzten Äußerung klar. Die Leute an den Nebentischen schauten auch schon etwas verstohlen herüber. Egal, dachte ich mir, wer seine Abende in einem Lokal wie der Bierblume zum freien Willen verbrachte, der durfte doch eigentlich überhaupt keine Ansprüche an irgendetwas mehr haben, oder? Wie auch immer, Franz war offenbar doch etwas verärgert mit mir. Wie konnte ich es nur wagen, seinen Zustand nicht als eine wirklich ernst zu nehmende Krankheit anzuerkennen. Bölken, dachte ich mir dann, mein Gott, Franz ist wirklich ein Nordlicht, den Ausdruck hatte ich ja noch nie gehört. Klingt irgendwie nach einem Bauernhof in der Lüneburger Heide. Doch dann riss mich mein guter Freund mit einem lauten Heil! aus meinen Gedanken, welches von einem leiseren, gezischten, etwas kleinlaut klingenden Sieg gefolgt wurde.

„Alles okay“, fragte ich?

„Nein, nichts ist okay. Gar nichts. Kannst du dir eigentlich vorstellen, wie peinlich das in der Öffentlichkeit ist, wenn du permanent diese Nazi-Slogans rülpsen musst?“ Und nein, um deine Frage gleich vorweg zunehmen, mit dem Tourette-Syndrom hat das auch nichts zu tun. Bei mir ist ja ganz klar festgestellt worden, was diese körperlichen Reaktionen auslöst: schwarz-braunes Gedankengut, je brauner, desto schlimmer. Mein Arzt nennt das Ganze den NS-Rülpser“.

„Na gut, dann halte dich doch einfach nur von diesen Dingen fern, so von der CSU und so. Problem erkannt, Problem gebannt. Und weg ist der Adlerhorst, ich mein …“. Weiter kam ich jedoch nicht, denn CSU und Adlerhorst in einem Satz, das war zu viel für Franz. Ein phänomenaler NS-Rülps-Anfall brach sich Bahn.

„Heil, zisch zisch … Sieg … HEIL, zisch zisch … Sieg! GAUWEILER! HEIL!“

Ich versuchte so unbeteiligt und so tolerant zu schauen, wie nur eben möglich. Dennoch verstand ich langsam, dass Franzens Freunde in letzter Zeit immer öfter vorgaben, angeblich beruflich so eingespannt und damit knapp an freier Zeit zu sein, wann immer Franz sie auf ein Bierchen in seiner Eckkneipe treffen wollte. Nichts jedoch übertraf die Art und Weise, wie sich seine Freundin Astrid vor etwa einem Monat von ihm getrennt hatte. Gut, da lag wohl vorher schon einiges im Argen. Aber dass sie den armen Franz in seinem eigenen Schlafzimmer einsperrte, bevor sie den Rest der gemeinsamen Wohnung ausräumte, das war schon ziemlich gemein. Richtig fies wurde es aber, als sie, bevor sie ging, noch im Wohnzimmer die Stereoanlage auf volle Lautstärke stellte. Im CD-Spieler befand sich das Audio-Book von Deutschland schafft sich ab. Im Bericht des Notarztes, den besorgte Hausbewohner gerufen hatten, wurde von einem völlig erschöpften, schwach und leise vor sich hin rülpsenden Mittdreißiger berichtet, der kaum mehr ansprechbar war. In seinen Händen hielt er völlig verkrampft das Buch Das Herz schlägt links von Oscar Lafontaine. Instinktiv hatte Franz zum einzig passenden Gegengift gegriffen. Nur der Oscar konnte es noch richten. Wie viele versteckt und offen lebende NS-Rülps-Geschädigte es wohl in unserer Gesellschaft gibt? Hat man damals Eva Herman vielleicht sogar Unrecht getan, war auch sie ein Opfer?

Offenbar kann Franz nun auch schon Gedanken lesen, der nächste Anfall kam sofort:

„Heil, zisch zisch … Mutterkreuz … HEIL, zisch … Sieg! DEUTSCHE MUTTER!“