Der lange Stil der fremden Federn

by fremdtrinker

Der Mensch giert nach Anerkennung, jeder Mensch. Er trainiert Geist und Körper, möchte stets etwas größer, witziger, souveräner, stärker oder klüger erscheinen, als er in Wirklichkeit ist. Der ehemalige Dr. jur. Karl-Theodor zu Guttenberg gab das jüngste traurige Beispiel, wohin dieser falsche Ehrgeiz führen kann, nämlich unverzüglich ins Plagiat. Alles wird heute kopiert, mal wörtlich, mal sinngemäß. Immer seltener werden hierbei die geistigen Urheber genannt, immer öfters schmück der Mensch sich mit den geistigen Ergüssen anderer. Dies endet bei kompletten Doktorarbeiten, die lediglich aus Fragmenten fremder Texte bestehen, quasi in der Champions League der Plagiate. Aber auch in den Kreisligen der Internet-Publikationen ist Vergleichbares zu beobachten, hier nur ein Beispiel von vielen:

Ein gewisser Wolfgang Spinnler hat im deutschen Online-Shop von Amazon an die 80 CD-Rezensionen verfasst, die meisten davon über Meisterwerke des Pops der 80’er Jahre. Hier ein Auszug aus seiner Besprechung der Platte Rum, Sodomy And The Lash der Gruppe The Pogues:

Auch ausgebombte Punks sind irgendwann auf der Suche nach bleibenden Werten. […] Mit Sänger Shane MacGowan der kaum noch Zähne hatte produzierten die POGUES unter der Regie von Elvis Costello einem der besten Songwriter Brita[n]niens eine Scheibe die schepperte wie die Sammelbüchse am Totensonntag. Bei den sentimentalen Songs der Pogues hatten sich schon die Großväter der Bandmitglieder in den Armen gelegen. Und warum sollten es ihre Enkel anders machen?

Schön schnoddrig und gemäß den Stilvorgaben der frühen Pop-Literatur geschrieben, nicht wahr? Leider ist diese Rezension jedoch in Auszügen wörtlich und ansonsten sinngemäß ohne Quellenangabe übernommen – vulgo geklaut – worden. Immerhin bewies der Wortdieb Geschmack, er kopierte aus der Lifestyle-Zeitschrift Tempo, genauer gesagt aus einer Ausgabe vom Dezember 1989 mit dem Titel Die besten Platten, Filme & Bücher der 80er Jahre. Dort steht zur selben Platte geschrieben:

Ausgebombte Punks auf der Suche nach bleibenden Werten. Der Sänger hatte kaum noch Zähne, und die Platte scheppert wie eine Sammelbüchse am Totensonntag. Zu den sentimentalen Melodien der Iren hatten sich schon ihre Großväter in den Armen gelegen. Warum sollten es die Enkel anders machen?

Noch ein Beispiel von weiteren 79? Herr Spinnler über eine Platte der Gruppe Soft Cell:

Lustvoll stöhnend beichtete er [Marc Almond] bei „Sex dwarf“ sein Leben als Sex-Zwerg. Und „Tainted love“ war als Northern-Soul-Hymne so sauber eingespielt, daß sie bis heute nach 22 Jahren genauso frisch klingt wie 1981. Und wer sich noch an die Videos der beiden erinnern kann, sofern er sie gesehen hat wird noch heute feststellen, daß diese jeden Beate-Uhse-Film zur jugendfreien Familienunterhaltung degradieren.

Im Original:

Lustvoll stöhnend beichtet Marc Almond sein Leben als Sexzwerg. Ihre Videoclips degradieren noch heute jeden Beate-Uhse-Film zur jugendfreien Familienunterhaltung.

Und so weiter, und so weiter. Man beachte: Da hat sich jemand tatsächlich die Mühe gemacht, an die 80 Plattenkritiken aus einer Zeitschrift umzuschreiben, dabei offensichtlich größten Wert darauf gelegt, niemals exakt wörtlich zu zitieren aber die ihm als „cool“ erscheinenden Phrasen auf alle Fälle zu übernehmen. Warum schreibt jemand, dem keine eigenen Worte in den Sinn kommen, so viele Texte. Kann das wirklich nur die Sucht nach Anerkennung sein, oder ist das schon krankhaft?

Übrigens: Sämtliche Bilder dieses Blogs sind geklaut.

Advertisements