Reinräumen

by fremdtrinker

Des Krümels TodIm letzten Monat hat Max aus Mühsal seiner Frau Mausi zuliebe die gemeinsame Wohnung am Niederrhein in einen Reinraum der Klasse 100 umgebaut. Der Aufwand hierfür aufgrund gesetzlicher Vorgaben war enorm, allein der Einbau der Luftschleusen im Eingangsbereich bedurfte gefühlter hundert Telefonate mit Behörden und den Knechten der Vermietungsgesellschaft. Auch die nach ISO Norm 14644-1 geforderte tägliche Partikelmessung war anfänglich etwas ungewohnt und zeitaufwendig. Inzwischen ging dies alles aber deutlich leichter und schneller von der Hand.

Mit einer gewissen Verwunderung mussten Max und Mausi allerdings feststellen, dass Besuche von Freunden und Familien seit dem Umbau immer seltener wurden. Offenbar begriff nicht jeder Gast sofort die Notwendigkeit, sich kleineren Dekontaminationsprozeduren beim Betreten der Wohnung auszusetzen. Dieses oftmals demonstrativ vorgetragene Unverständnis konnte nur wechselseitig erneut Unverständnis bei Max und Mausi auslösen, schickten Sie doch jedem Besucher bereits mit der Einladung umfangreiches Hintergrundmaterial und Verhaltensregeln mit, hübsch gebunden als kleines Büchlein. Im Hinblick auf den Zugang zur Wohnung stand hier etwa eindeutig geschrieben:

Der Reinraumzugang erfolgt meist über eine Folge verschiedener Reinraumbereiche mit fallender Reinraumklasse. Zwischen diesen Bereichen erfolgt in der Regel ein Kleidungswechsel. Um Verschmutzungen von Gegenständen, die mit dem Fußboden in Berührung kommen (z. B. Schuhsohlen), zu minimieren, befinden sich an den jeweiligen Zugängen spezielle klebrige Fußmatten. Der Zugang zum Reinraum selbst erfolgt zusätzlich über Personal- und Materialschleusen, in denen wiederum starke Luftströmungen und Filtersysteme vorhandene Partikel aufwirbeln und absaugen, so dass keine zusätzliche Verunreinigung von außerhalb eingetragen wird.

Auf diese Beschreibung folgte dann ein genauer Sequenzplan, der zeigte, wie der ehemalige Wohnungsflur durch Schleusen in eine Abfolge von Reinräumen verschiedener Kategorien aufgeteilt war. Die jeweiligen Verhaltensregeln samt passender Kleiderordnungen rundeten diese Information ab. So schwer konnte das doch gar nicht sein!

Dennoch: Hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich draußen in der verschmutzen Welt mit all ihren bakterienverseuchten Wohnzimmern der ehemaligen „Freunde“ von einer gewissen Lächerlichkeit besonders im Hinblick auf die kleinen weißen Häubchen, die Max und Mausi nun stets auf dem Kopf trugen, wenn sie abends fernsahen und dabei ihre geliebte keimfreie Sojakeimsuppe löffelten. Max war nicht dumm, er war vielmehr sehr empathisch für Spott jeder Art. In Telefonaten mit seinen Freunden – für Treffen in der dreckigen Wirklichkeit blieb kaum mehr Zeit, die Wartung des Reinraums fraß fast alle Ressourcen des glücklichen Paares – erklärte der gelernte Metzer gerne und oft, wie harmonisch nun die Beziehung mit Mausi liefe, seit das permanente Gejammere verstummt sei, welches früher in der Prä-Reinraum-Phase jeder entdeckte Brotkrümel auf dem Teppich und jedes noch so kleine Schamhaar in der Suppe provoziert hatten. Weiter führte er dann gerne aus:

Es ist so ruhig und harmonisch geworden, oft hört man nur das leise Summen der Generatoren der Eingangsschleusen. Mausi ist so glücklich jetzt; keine Krümel, kein Dreck, nichts mehr. Wir haben es geschafft, wir leben den Traum. Das Böse und der Dreck, diese hässlichen Biester, die bleiben draußen.

In die Stille sagte er dann noch, einfach um zu zeigen, dass SIE ihn nicht völlig untergekriegt hat, dass er immer noch genauso zotig wie früher sein kann, auch am desinfizierten Telefon seines Reinstraumes im Rheinraum:

Ich meine, Hauptsache ist doch, der Sex bleibt dreckig. Eh klar, oder!

Und damit hatte Max noch immer die Lacher auf seiner Seite gehabt, früher, in den dreckigen Kneipen seiner Stadt. Heute ist da nur noch ein Klack in der Leitung. Meister Proper ist auf einmal sehr allein.

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