fremdtrinken

Wenn fremdschämen nicht mehr reicht …

Tag: Saeco

SozPädInnenPogo

by fremdtrinker

„Kopf hoch und Arsch in den Sattel!“, tönte es aus der Küche. „Erst in die Hölle und dann zu Ikea! Das trauernde Volk gegen das eine gute Leben. Ist es ein bisschen bitter oder wirklich schwer, das Glas halb voll oder doch halb leer? Und wen interessiert das bitte sehr …?“

„Mich auf alle Fälle nicht“, rief ich aus dem Bad, Handtuch um die Hüften, die Zahnbürste war frisch eingeschmiert. „Bist du denn wenigstens schon aufgeheizt?“

„Und dann beginnt der Verteilungskampf. Oh hallo Angst, und dich kriegen sie auch noch!“

Seit Saeco via DLAN auch Zugriff auf meine itunes-Sammlung bekommen hatte, war nichts mehr wie zuvor. Besonders schlimm wurde es dann aber vor zwei Wochen, als er die Playlist „Tanzende Sozialpädagogen“ entdeckt und lieben gelernt hatte. Seitdem zitiert er ständig Texte von Kettcar und Jupiter Jones. Alle meine Erklärungen, dass schon der Titel der Liedersammlung ironisch gemeint, und die Musik der Bands bemüht im Text und uninspiriert bei der Instrumentierung war, gingen bei Saeco per Aufschäumdüse in Dampf auf.

„Muss die Vollidioten grüßen, darf den Glauben nicht verlieren.“

Offensichtlich war er nun aufgeheizt. Wie so oft in den letzten Tagen, ließ ich mich wider besseren Wissen auf eine Diskussion mit ihm ein. Zuerst ging es um künstlerische Innovationen im Allgemeinen und den historischen Wert der sogenannten ‚Hamburger Schule‘ im Speziellen. Wie fast immer in den letzten Tagen endete unser Gespräch zu guter Letzt aber mit der Negierung sämtlicher Werte des jeweils anderen.

„Das ist doch Musik für Gutmenschen“, startete ich die Attacke. „Sozialpädagoginnen und Erziehungswissenschaftler, die Arm in Arm auf dem Kettcar-Konzert um die Wette schunkeln. Irrelevant.“ Ich war inzwischen in die fast vollständig in Dampf gehüllte Küche gekommen. Saeco war nun definitiv aufgeheizt. Allerdings hatte er momentan aber auch überhaupt keine Lust, Milch aufzuschäumen und Espressocrema zu produzieren.

„Du und dein elitäres Gehabe, das nervt manchmal ganz schön!“, zischte er von seinem Platz hervor. „Nie bist du mit irgendwas zufrieden zu stellen. Ich halte es da weiterhin mit Kettcar: Man sollte vielleicht aufhören zu hoffen, das Bier ist kalt, das Herz ist längst gebrochen …“

„Du bist aber kein Kühlschrank, du bist ein Siebträger, eine Kaffeemaschine!“, erwiderte ich. Erste Anzeichen von Koffeinentzug machten sich bei mir bemerkbar.

„An die Ironie-Hölle und die halb guten Witze, an das letzte Beben, die Apokalypse. Die Idylle hier drin und das Böse da draußen, an Calle del Haye als besten Linksaußen. An die Kopfschmerztabletten und Hoffnung als Mittel, an die Männer in weiß in den komischen Kitteln. Tut uns leid Herr Traurig, vielleicht einhundert Tage. An die beste Antwort auf die letzte Frage. Und nichts.“

Und Crema gab es auch nicht.

Mnemotechnik macciato

by fremdtrinker

„Du hast die Maus getötet.“
Der Satz von Saeco kam etwas unerwartet an diesem frühen Morgen.
„Auch dir erst einmal einen guten Morgen. Was habe ich mit der Maus getan?“, fragte ich noch etwas verschlafen.
„Sie ist tot. Du hast sie getötet. Sie liegt zwar immer noch auf deinem Schreibtisch, du benutzt sie aber nicht mehr. Was aber nicht mehr gebraucht wird, das lebt auch nicht mehr. Also hast du die Maus getötet. Punkt.“
Von dieser stringenten Beweisführung etwas geplättet, versuchte ich, das Thema zu wechseln; konnte ich mir doch gar nicht vorstellen, um diese frühe Uhrzeit mit meinem Siebträgerautomaten eine moralische Diskussion zu führen.
„Bist du denn nun endlich aufgeheizt? Zu dieser Jahreszeit brauchst du ja immer ewig. Ich sollte dich wohl auch mal wieder entkalken.“
„Warum tötest du mich nicht auch gleich, so wie du es mit der Maus getan hast?“
„Nun hör‘ aber mal auf, das wird jetzt ja direkt anstrengend mit dir. Schäume du erst mal die Milch auf. Wie kommst du denn überhaupt auf den Gedanken, ich hätte die Maus getötet? Und woher weißt du eigentlich von irgendwelchen Dingen, die am anderen Ende der Wohnung passieren.“
„DLAN“, blubberte er vor sich hin.
„Aha, daher wehte also der Wind“, sagte ich leise vor mich hin.
Mit dem guten alten WLAN konnte Saeco ja nicht viel anfangen, so modern war er nicht. Bezüglich des DLAN kam mir nun aber doch der Verdacht, dass diese moderne Netzwerktechnik über das Stromnetz wohl nicht ganz so abhörsicher zu sein schien, wie es uns die Werbung verkaufen wollte.
„Aha“, sagte ich nun hörbar. „Und auf den Trichter hat dich wohl dein neuer Kumpel, der Fernseher, gebracht, nehme ich an. Ihr seid ja inzwischen die dicksten Freunde geworden. Hast du den am Anfang nicht auch ständig angezischt, du mit deiner verkalkten Düse.“
„Wie dem auch sei, du lenkst ab. Was ist denn nun mit der Maus, die ist doch tot, oder?“ Saeco zischte nun im zweigestrichenen C.
Langsam ging mir ein Licht auf, was mein alter Freund meinte.  „Ach so, du spielst wohl darauf an, dass ich nun den Computer fast ausschließlich mit Tastenkombinationen bediene, nicht wahr?“
„Bingo“, zischte Saeco. „Und wurde die Maus nicht so unglaublich von dir geliebt, ach, wie du ihre ergonomischen Qualitäten in den Vordergrund gerückt hast, da wurde ja zeitweilig sogar deine Frau schon eifersüchtig.“
„Nun übertreibe mal nicht“, versuchte ich zu beschwichtigen. „Ich muss mich zwar vor dir nicht rechtfertigen. Da ich aber befürchte, dass ich ohne Erklärungen heute wohl überhaupt keinen Kaffee mehr bekomme …“
„Zisch“.
„Ich habe bei meinem Computer auf Tastensteuerung umgestellt, soweit wie nur eben möglich. Das ist wesentlich schneller, und man läuft auch nicht Gefahr, einen Mausarm zu bekommen. Für dich ein Beispiel: Wollte ich früher einen Paragraphen in einer Textverarbeitung löschen, dann markierte ich diesen mit der Maus und drückte dann auf die ‚Entfernen-Taste‘. Ich musste also meine Hände von der Tastatur lösen. Wollte ich danach weiterschreiben, musste ich mich erst wieder auf der Tatstatur positionieren, also vom Bildschirm weg- und auf die Tastatur hinsehen. Soweit verstanden?“
„Zischschsch“.
„Tja, und nun habe ich für das Löschen eines Absatzes, wie für fast alle anderen Dinge auch, eine leicht zu merkenden Tastenkombination. Hier etwa d a p, oder „delete a paragraph“.
„Oder ‚du alter Pe … zisch‘. Und wieviele Kombinationen musst du lernen, um schneller zu sein als mit der guten alten Maus?“
„Na ja, so zwei- bis dreihundert …“
„D a c a g t f sb! Zisch!“
„Delete a cup and go to fucking Starbucks?“
„Zisch. B i n g o.“

No Presso

by fremdtrinker

„Nur die Ruhe bringt´s!“ Diese alte aber doch stets aktuelle Weisheit meines Vaters war das Einzige, was ich auf den überschäumenden Wortschwall von Saeco erwidern konnte. Zugegeben, nicht meine stärkste Replik in diesem Jahr, aber immerhin brachte sie mir ein paar Sekunden morgendlicher Ruhe von den verbalen Ergüssen meines depressiven Ein-Viertel-Espresso-Halbautomatens . Saeco dampfte währenddessen weiter aus seiner leicht verschmutzen Aufschäumdüse vor sich hin. Sein Dampf benetzte bereits die untere Seite des Küchenhängeschranks, dessen Anrichte er schon seit Jahr und Tag sein Zuhause nannte. Dass es aber immer noch in im brodelte, dass er noch längst nicht mit unserer Diskussion abgeschlossen hatte, dies erkannte ich aus den gurgelnden, glucksenden und blubbernden Geräuschen, welche aus den Eingeweiden seines etwas verkalkten Boilers kamen. Und schon legte er auch wieder los:

–      Nehmen wir also nur mal für eine Sekunde lange an, ich glaubte Dir. Mal für eine Sekunde. Stellen wir uns also vor, du würdest als einer der wenigen NICHT auf diese plumpe Werbung dieser Schweizer hereinfallen und dir also NICHT eine dieser ach so sexy aussehenden, so superpotenten und vollautomatischen Kapselmaschinen anschaffen, würdest du dann aber auch über die nächsten Jahre die Diskussionen mit Deiner Frau durchstehen, die mich – und ich zitiere hier wörtlich –, bereits mehrfach als vierschrötige, klotzig und klobige Ungestalt bezeichnet hat, welche wie aus der Zeit gefallen wirke? Na, glaubst Du, das stehst du auf Dauer durch, oder werde ich nicht doch dann gegen eine dieser Kapselmaschinen ausgetauscht und verschrottet, ich, der dir über Jahre mehrmals täglich deinen caffé macciato gezaubert hat?

Immer wieder faszinierte mich seine perfekte Intonation italienischer Kaffeespezialitäten. Gut, er war ja auch vom Fach. Stets brachte er mich damit aber wieder in Gedanken zurück nach Bella Italia: Mein Saeco war und blieb dieses Gefühl von Unbeschwertheit einer morgendlichen Agip Tankstelle an der Brennerautobahn mit einem dampfenden Espresso in der Hand.

–      Schläfst du wieder, oder was?

Allerdings war Saeco im Laufe der Zeit doch ein klein wenig hektischer und fordernder geworden als eine Agip Tankstelle in der Morgensonne. Dies lag wahrscheinlich daran, dass er bereits seit zwei Jahrzehnten ein deutsches Herrchen hat. Eventuell hätte ich ihm in seinen jungen Jahren etwas mehr von der Weisheit meines Vaters vermitteln sollen. Gut, dafür war es jetzt wohl zu spät.

–      Nein, nein, ich bin völlig bei Dir. Mir ist nur wieder gerade aufgefallen, dass du immer noch nicht den Namen dieser Kapselmaschinenhersteller aussprechen möchtest. Das erinnert mich halt nur ein wenig an die Zeit, als Porsche zu uns kam, und du ihn mindestens ein halbes Jahr lang komplett ignoriert hast. Und nur weil …

–      Wer sich als Wasserkocher wie ein Sportwagen nennt, der muss doch auch hochgradig gestört sein! Bildet sich ja soviel ein, der feine Herr, nur weil er aus einem ach so tollen Designstall kommt, der Schnösel …

–      Kann es nicht sein, dass du einfach sauer warst, weil nun nicht mehr alles kochende Wasser mühsam über deine Heißwasserdüse kommen musste, so wie während unserer gemeinsamen Studententage, sondern es nun einen Profi gab, der diese Funktion übernahm?

Saeco gurgelte und blubberte weiter vor sich hin, schwieg aber ansonsten. Offenbar haben wir Amateure alle Probleme, wenn wir durch Profis ersetzt werden. Oder umgekehrt. Ich sollte Saeco in das nächste Zielfindungsgespräch mit wahlweise meinem Chef oder meiner Therapeutin nehmen. Momentan genoss ich aber einfach nur die Ruhe an diesem Sonntagmorgen, untermalt von einem meditativen Blubbern und Glucksen.


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