Die Dissertation mit dem Paukenschlag

by fremdtrinker

Ein Abgrund aus böser Polemik und beißendem Spott tut sich seit Tage auf vor dem einst so geliebten und erfolgreichen CSU Politiker Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg. Selbst seine Frau solle sich angeblich mit Scheidungsabsichten tragen, da das Ja-Wort Guttenbergs vor dem Traualtar angeblich bereits von anderen Bräutigamen in ähnlicher Situation auf fast dieselbe Weise vorgetragen wurde. Da war er schon wieder, der bösartige Plagiatsvorwurf.

Was diese Neider jedoch allesamt nicht erkennen können oder wollen, ist die brillante und für die damalige Zeit völlig neue wissenschaftliche Denkweise, mit welcher der heutige Verteidigungsminister seine Dissertation anging. Für Guttenberg ist und war in letzter Kosequenz das Erlangen wissenschaftlicher Erkenntnis nur in Form von virtueller Teamarbeit möglich. Dies erkannt und in radikaler Weise zu Ende gedacht sowie in die Tat umgesetzt zu haben, das ist der eigentliche akademische Quantensprung, für welchen eine summa cum laude eine mehr als verdiente Benotung sein sollte. Denn keiner hat vor Guttenberg in einem solchen Ausmaße andere Wissenschaftler so elegant, ja fast schon unbemerkt in die eigene Arbeit eingebunden. Dies geschah, und hier liegt der Hund begraben mitsamt dessen Kern, nicht etwa nur durch die althergebrachten und überkommenen Methoden des direkten und indirekten wissenschaftlichen Zitats, nein, vielmehr hat Guttenberg eine völlig neue Zitiermethode gefunden: das implizite akademische Zitat. In anderen Bereichen, wie etwa der Musik, hatten Kulturwissenschaftler zwar bereits dieses Phänomen aufgespürt und es mit dem etwas griffigeren Terminus Sample bezeichnet, für die akademische Welt aber war das Sampeln, wie das implizite Zitieren auch genannt wird, in der Zeit vor Guttenberg völlig unbekannt.

Guttenberg demonstrierte mit seiner Dissertation also zum ersten Mal, welche Kraft und Dynamik akademische Teamarbeit unter Zuhilfenahme der Sample­-Technik entfalten kann. In der Musik hatte man sich ja schon lange an den Gedanken gewöhnt, dass jede Melodie, jeder Dreiklang in beliebiger Kombination niemals den Anspruch von Originalität haben könne, da alles, was denkbar und spielbar ist, letztendlich schon einmal gedacht, komponiert und gespielt wurde. Die Musiker gehen somit mit „fremdem“ Gedankengut, welches ja nichts anderes ist als das Gedankengut eines „Weltwissens“, auf eine völlig spielerische und selbstverständliche Art und Weise um. Nichts läge ihnen ferner, als jedes Melodiechen, welches sie vielleicht schon irgendwann einmal gehört und verinnerlicht hatten und es nun für ein eigenes Stück völlig selbstverständlich verwenden wollten, nichts läge ihnen also ferner, als diese kleine unschuldige Abfolge von Tönen explizit als Zitat auszuweisen. Sie sehen diese Melodien eher als „LEGO-Bausteine“ des unendlichen Weltwissens, welche sie ohne die Spur eines schlechten Gewissens benutzen, um damit ihren ganz eigenen Anteil zur Erweiterung des globalen Fundus an Melodien zu leisten. Sie setzen Neues komplett aus Altem zusammen, dies geschieht in einer virtuellen Teamarbeit.  Das geistige Eigentum in der Musik ist längst ein globales geworden, welches in der Summer der Gehirne der Musikschaffenden zu Hause und gegen spießige Plagiatsvorwürfe völlig immun ist.

Guttenberg kann also zurecht als erster akademischer Künstler bezeichnet werden, der spielerisch die vorhandenen Melodiefragmente seiner Wissenschaftsdisziplin aufnimmt, mit ihnen jongliert wie ein juristischer Jahrmarktsartist, und diese letztendlich zur Symphonie seiner Dissertation zusammensetzt. Das virtuelle akademische Künstlerteam von Guttenberg hat darüber hinaus so gut funktioniert, dass viele Mitglieder des Teams gar nicht wussten, überhaupt in der Mannschaft zu sein. Dies zeugt nicht nur von überragender künstlerischer Qualität des Teamleaders, sondern eben auch von perfekter Führungsarbeit. Andere für sich arbeiten zu lassen, ohne dass diese die Belastung überhaupt merken, dass ist ganz große Kunst.

Guttenbergs Frau lässt sich übrigens nicht scheiden, hat sie doch erkannt, dass letztendlich auch ihr Mann, wie alle anderen ja auch, nichts anderes als ein implizites Zitat seiner selbst ist. Sie ließ verlauten, nach dieser Erkenntnis mache sogar das Sampeln wieder Spaß.